Was bedeutet eine inverse Zinskurve?

Normalerweise bringt es mehr Rendite, Geld langfristig auszuleihen als nur für kurze Zeit. Dahinter steht eine einfache Logik: Je länger das Kapital gebunden ist, desto grösser sind die Unsicherheiten und Risiken. Anleger erwarten dafür in der Regel eine höhere Rendite.

Bei einer inversen Zinskurve ist es genau umgekehrt: Kurzfristige Anleihen weisen höhere Renditen auf als langfristige Anleihen.

Das sorgt regelmässig für Aufmerksamkeit. Denn eine inverse Zinskurve ist nicht nur eine Besonderheit am Anleihenmarkt. Historisch ging sie verschiedenen wirtschaftlichen Abschwüngen und Rezessionen voraus.

Ein perfektes Prognoseinstrument ist sie trotzdem nicht.

Kurz zusammengefasst

  • Eine inverse Zinskurve entsteht, wenn kurzfristige Anleihen höhere Renditen aufweisen als langfristige Anleihen.
  • Normalerweise ist es umgekehrt: Für längere Laufzeiten verlangen Anleger in der Regel eine höhere Rendite als Entschädigung für die längere Kapitalbindung und die damit verbundenen Risiken.
  • Eine inverse Zinskurve kann entstehen, wenn die Zentralbank die kurzfristigen Zinsen stark erhöht und die Märkte gleichzeitig mit tieferen Zinsen oder einer schwächeren Konjunktur in der Zukunft rechnen.
  • Historisch ging eine inverse Zinskurve häufig Rezessionen oder wirtschaftlichen Abschwächungen voraus. Sie kann jedoch weder den Zeitpunkt noch das Ausmass einer Rezession zuverlässig vorhersagen.
  • Für Anleger ist eine inverse Zinskurve deshalb ein wichtiges Konjunktursignal, aber kein automatisches Kauf- oder Verkaufssignal.
  • Eine langfristige Anlagestrategie sollte nicht allein aufgrund einer Veränderung der Zinskurve angepasst werden.

Was ist eine inverse Zinskurve?

Die Zinskurve zeigt, welche Renditen Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten aufweisen. Verglichen werden dabei Anleihen mit möglichst ähnlicher Bonität, aber unterschiedlichen Restlaufzeiten.

Im Normalfall steigt die Zinskurve an. Langfristige Anleihen bieten dann höhere Renditen als kurzfristige. Anlegererhalten damit eine zusätzliche Entschädigung dafür, dass sie ihr Kapital länger binden und über einen längeren Zeitraum Zins-, Inflations- und andere Risiken tragen.

Bei einer inversen Zinskurve kehrt sich dieses Verhältnis um: Die Renditen kurzfristiger Anleihen liegen über den Renditen langfristiger Anleihen.

Das kann beispielsweise bedeuten, dass eine zweijährige Staatsanleihe eine höhere Rendite aufweist als eine zehnjährige Staatsanleihe desselben Staates.

Die Zinskurve muss dabei nicht über sämtliche Laufzeiten invers sein. Häufig betrachten Marktteilnehmer bestimmte Laufzeitdifferenzen, sogenannte Spreads. Besonders bekannt ist in den USA beispielsweise der Vergleich zwischen zwei- und zehnjährigen US-Staatsanleihen.

 

Warum entsteht eine inverse Zinskurve?

Eine inverse Zinskurve kann verschiedene Ursachen haben. Häufig spielen die Geldpolitik der Zentralbanken und die Erwartungen der Marktteilnehmer eine zentrale Rolle.

Wenn die Inflation hoch ist, können Zentralbanken ihre Leitzinsen erhöhen. Dadurch steigen typischerweise auch die kurzfristigen Marktzinsen.

Die langfristigen Zinsen werden dagegen stärker davon beeinflusst, wie Anleger die zukünftige Entwicklung von Inflation, Wirtschaftswachstum und Geldpolitik einschätzen.

Erwartet der Markt beispielsweise, dass die hohen Zinsen die Konjunktur bremsen und die Zentralbank ihre Leitzinsen später wieder senken muss, können die langfristigen Renditen unter den kurzfristigen Renditen liegen.

Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus: Rechnen Anleger mit einer schwächeren Konjunktur, kann die Nachfrage nach langfristigen, als vergleichsweise sicher geltenden Staatsanleihen steigen. Höhere Anleihenkurse bedeuten bei ansonsten gleichen Bedingungen tiefere Renditen.

Das Zusammenspiel dieser Faktoren kann dazu führen, dass sich die Zinskurve zunächst abflacht und schliesslich invertiert.

Was hat Campbell Harvey mit der inversen Zinskurve zu tun?

Die Zinskurve wird schon lange an den Finanzmärkten beobachtet. Der kanadische Ökonom Campbell Harvey trug jedoch wesentlich dazu bei, ihre Bedeutung als Konjunkturindikator bekannt zu machen.

In seiner Dissertation an der University of Chicago untersuchte Harvey in den 1980er-Jahren den Zusammenhang zwischen der Struktur der Zinskurve und der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung.

Seine Forschung trug dazu bei, dass die Zinskurve heute zu den meistbeachteten Indikatoren für mögliche Veränderungen des Konjunkturzyklus gehört.

Die Aussage, die inverse Zinskurve selbst sei von Harvey «erfunden» worden, wäre jedoch zu weitgehend. Entscheidend ist vielmehr sein wissenschaftlicher Beitrag zur Untersuchung ihrer Prognosekraft.

Warum gilt eine inverse Zinskurve als Rezessionssignal?

Eine inverse Zinskurve kann widersprüchliche Erwartungen des Marktes widerspiegeln.

Die kurzfristigen Zinsen sind hoch, häufig als Folge einer restriktiven Geldpolitik. Gleichzeitig liegen die langfristigen Zinsen tiefer, weil Marktteilnehmer mit schwächerem Wirtschaftswachstum, tieferer Inflation oder späteren Zinssenkungen rechnen.

Historisch trat eine solche Konstellation wiederholt vor wirtschaftlichen Abschwüngen auf.

Das erklärt, weshalb die inverse Zinskurve häufig als Rezessionssignal bezeichnet wird.

Wichtig ist jedoch die genaue Formulierung: Eine inverse Zinskurve bedeutet nicht automatisch, dass eine Rezession bevorsteht.

Sie kann weder zuverlässig bestimmen, wann eine Rezession beginnt, noch wie schwer sie ausfällt. Auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich von Zyklus zu Zyklus.

Eine inverse Zinskurve ist deshalb besser als Warnsignal oder Konjunkturindikator zu verstehen als als sichere Prognose.

«Inverted yield curve is overrrated.»

Robert J. Shiller

Beispiel: die inverse Zinskurve in den USA

Ein besonders deutliches Beispiel zeigte sich in den USA in den Jahren 2022 und 2023.

Die US-Notenbank Federal Reserve erhöhte ihre Leitzinsen stark, um die hohe Inflation zu bekämpfen. Dadurch stiegen die kurzfristigen Renditen deutlich.

Zeitweise lag die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen mehr als einen Prozentpunkt über jener zehnjähriger US-Staatsanleihen.

Die Zinskurve war damit stark invers.

Die Interpretation lag nahe: Der Markt rechnete nicht damit, dass die kurzfristig hohen Zinsen dauerhaft bestehen bleiben würden. Vielmehr spiegelten die langfristigen Renditen unter anderem Erwartungen wider, dass Inflation und Wirtschaftswachstum nachlassen und die Geldpolitik später wieder lockerer werden könnte.

Das Beispiel zeigt gleichzeitig eine wichtige Grenze des Indikators: Selbst eine ausgeprägte Inversion sagt nicht präzise voraus, wann und in welcher Form sich die Konjunktur abschwächt.

Was bedeutet eine inverse Zinskurve für Aktien?

Eine inverse Zinskurve betrifft zunächst den Anleihenmarkt. Ihre wirtschaftliche Bedeutung kann jedoch auch für Aktien relevant sein.

Wenn die Zinskurve auf Erwartungen eines schwächeren Wirtschaftswachstums hindeutet, können Anleger mit tieferen Unternehmensgewinnen rechnen. Eine Rezession kann zusätzlich Konsum, Investitionen und Beschäftigung belasten.

Das kann wiederum die Aktienmärkte unter Druck setzen.

Der Zusammenhang ist jedoch nicht mechanisch.

Aktienkurse reagieren nicht nur auf die aktuelle Konjunktur, sondern auf Erwartungen über die Zukunft. Wenn eine wirtschaftliche Abschwächung allgemein erwartet wird, kann ein Teil dieser Erwartung bereits in den Kursen enthalten sein.

Eine inverse Zinskurve bedeutet deshalb nicht, dass Aktien unmittelbar danach fallen müssen.

Wie sollen sich Anleger bei einer inversen Zinskurve verhalten?

Eine inverse Zinskurve ist kein Grund zur Panik und auch kein automatisches Verkaufssignal.

Es kann zwar verlockend sein, aufgrund eines solchen Konjunktursignals das Portfolio sofort umzuschichten. Anlegerkönnten beispielsweise versuchen, Aktien zu reduzieren, defensive Sektoren stärker zu gewichten oder später wieder in den Markt einzusteigen.

Damit entsteht jedoch ein neues Problem: Market Timing.

Wer aufgrund einer inversen Zinskurve aus dem Markt aussteigt, muss nicht nur den richtigen Zeitpunkt für den Verkauf finden. Später muss auch entschieden werden, wann der Wiedereinstieg erfolgen soll.

Damit müssen gleich zwei Entscheidungen richtig getroffen werden.

Für langfristig orientierte Anleger ist deshalb eine andere Frage wichtiger: Passt die bestehende Anlagestrategie weiterhin zur persönlichen finanziellen Situation, zum Anlagehorizont, zur Risikofähigkeit und zur Risikobereitschaft?

Wenn die Antwort darauf ja lautet, ist eine Veränderung der Zinskurve allein normalerweise kein ausreichender Grund, die gesamte Strategie über Bord zu werfen.

Sind defensive Aktien bei einer inversen Zinskurve sinnvoll?

Defensive Unternehmen können in wirtschaftlich schwierigen Phasen widerstandsfähiger sein. Dazu gehören beispielsweise Unternehmen aus Bereichen wie Gesundheit, Nahrungsmittel oder Basiskonsumgüter, deren Produkte auch während einer schwächeren Konjunktur nachgefragt werden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Anleger nach jeder Inversion der Zinskurve automatisch in defensive Aktien wechseln sollten.

Eine solche Umschichtung ist ebenfalls eine aktive Marktentscheidung. Sie setzt voraus, dass der bevorstehende Konjunkturverlauf und die relative Entwicklung verschiedener Marktsegmente besser eingeschätzt werden können als dies bereits in den aktuellen Marktpreisen reflektiert ist.

Eine Alternative besteht darin, das Aktienrisiko grundsätzlich systematisch zu steuern. Strategien wie Minimum Risk verfolgen beispielsweise das Ziel, das Risiko innerhalb eines Aktienportfolios zu reduzieren.

Entscheidend ist aber auch hier: Eine solche Strategie sollte gewählt werden, weil sie zum langfristigen Anlageprofil passt und nicht nur, weil sich die Zinskurve kurzfristig verändert hat.

Was bedeutet eine inverse Zinskurve für Anleihen?

Auch für Anleihen selbst hat eine inverse Zinskurve Konsequenzen.

Wenn kurzfristige Anleihen höhere Renditen bieten als langfristige, erscheinen kurze Laufzeiten zunächst attraktiv. Anleger erhalten eine höhere laufende Rendite und müssen ihr Kapital weniger lange binden.

Allerdings besteht ein Wiederanlagerisiko. Fallen die Zinsen später, können auslaufende kurzfristige Anleihen möglicherweise nur noch zu tieferen Renditen wieder angelegt werden.

Langfristige Anleihen können dagegen stärker von fallenden Marktzinsen profitieren, weil ihre Kurse typischerweise empfindlicher auf Zinsänderungen reagieren.

Welche Laufzeit sinnvoll ist, hängt deshalb nicht allein von der aktuellen Form der Zinskurve ab. Anlagehorizont, Risikoprofil und die Funktion der Anleihen im Gesamtportfolio spielen ebenfalls eine Rolle.

Ist eine inverse Zinskurve ein zuverlässiger Indikator?

Die historische Bilanz der inversen Zinskurve erklärt, weshalb sie von Ökonom, Zentralbanken und Finanzmarktteilnehmer aufmerksam beobachtet wird.

Trotzdem sollte ihre Aussagekraft nicht überschätzt werden.

Erstens kann sich der Zeitraum zwischen einer Inversion und einer wirtschaftlichen Abschwächung erheblich unterscheiden.

Zweitens sagt die Zinskurve wenig darüber aus, wie stark eine mögliche Rezession ausfallen wird.

Drittens beeinflussen aussergewöhnliche geldpolitische Massnahmen, Inflationserwartungen, internationale Kapitalströme und strukturelle Veränderungen am Anleihenmarkt die Renditen.

Die Zinskurve ist deshalb ein nützlicher Teil des wirtschaftlichen Gesamtbildes, aber nicht das Gesamtbild selbst.

Fazit: Ein Warnsignal ist noch keine Prognose

Eine inverse Zinskurve entsteht, wenn kurzfristige Anleihen höhere Renditen bieten als langfristige Anleihen.

Sie kann darauf hindeuten, dass die Geldpolitik kurzfristig restriktiv ist, während die Märkte langfristig mit tieferen Zinsen, schwächerem Wachstum oder tieferer Inflation rechnen.

Historisch ging eine solche Konstellation wiederholt Rezessionen voraus. Das macht die inverse Zinskurve zu einem wichtigen Konjunkturindikator.

Sie ist jedoch keine Kristallkugel.

Für Anleger ist deshalb vor allem die Einordnung entscheidend. Eine inverse Zinskurve liefert Informationen über die Erwartungen am Anleihenmarkt. Sie sagt aber nicht zuverlässig voraus, wann Aktien fallen, wann eine Rezession beginnt oder wann der richtige Zeitpunkt für den Ausstieg aus dem Markt gekommen ist.

Eine langfristige Anlagestrategie sollte deshalb nicht von einem einzelnen Konjunkturindikator abhängen.

Die Zinskurve ist ein Signal. Was Anleger daraus machen, sollte zur langfristigen Strategie passen.

FAQ zur inversen Zinskurve

Was ist eine inverse Zinskurve?

Eine inverse Zinskurve liegt vor, wenn kurzfristige Anleihen höhere Renditen aufweisen als vergleichbare langfristige Anleihen. Normalerweise steigen die Renditen mit zunehmender Laufzeit. Bei einer inversen Zinskurve ist dieses Verhältnis zumindest in Teilen der Zinskurve umgekehrt.

Warum entsteht eine inverse Zinskurve?

Eine inverse Zinskurve kann entstehen, wenn Zentralbanken die kurzfristigen Leitzinsen deutlich erhöhen, während Anleger langfristig mit tieferer Inflation, schwächerem Wirtschaftswachstum oder künftig sinkenden Zinsen rechnen. Eine stärkere Nachfrage nach langfristigen Anleihen kann deren Kurse zusätzlich erhöhen und ihre Renditen senken.

Bedeutet eine inverse Zinskurve, dass eine Rezession kommt?

Nicht zwingend. Historisch ging eine inverse Zinskurve verschiedenen Rezessionen voraus und wird deshalb als Konjunkturindikator aufmerksam verfolgt. Sie kann jedoch weder garantieren, dass tatsächlich eine Rezession folgt, noch deren Zeitpunkt oder Stärke zuverlässig vorhersagen.

Wie lange dauert es nach einer inversen Zinskurve bis zu einer Rezession?

Dafür gibt es keinen festen Zeitraum. In der Vergangenheit lagen zwischen einer Inversion und einer wirtschaftlichen Abschwächung teilweise viele Monate. Der zeitliche Abstand unterscheidet sich von Zyklus zu Zyklus. Eine inverse Zinskurve eignet sich deshalb nicht für präzises Market Timing.

Was bedeutet eine inverse Zinskurve für Aktien?

Eine inverse Zinskurve kann auf Erwartungen eines schwächeren Wirtschaftswachstums hindeuten. Eine wirtschaftliche Abschwächung kann wiederum Unternehmensgewinne und Aktienkurse belasten. Daraus folgt jedoch nicht, dass Aktien nach einer Inversion automatisch fallen. Aktienmärkte reagieren auf zahlreiche Faktoren und können wirtschaftliche Erwartungen bereits vorwegnehmen.

Sollten Anleger bei einer inversen Zinskurve Aktien verkaufen?

Eine inverse Zinskurve allein ist kein ausreichender Grund, Aktien zu verkaufen. Entscheidend sind die persönliche finanzielle Situation, der Anlagehorizont, die Risikofähigkeit und die gewählte Anlagestrategie. Kurzfristige Konjunktursignale sollten nicht automatisch zu Änderungen einer langfristig ausgerichteten Strategie führen.

Was ist der Unterschied zwischen einer normalen und einer inversen Zinskurve?

Bei einer normalen Zinskurve liegen die Renditen langfristiger Anleihen typischerweise über jenen kurzfristiger Anleihen. Bei einer inversen Zinskurve ist es umgekehrt: Kurzfristige Renditen liegen über den langfristigen. Eine Zinskurve kann auch relativ flach sein, wenn die Renditen verschiedener Laufzeiten nahe beieinanderliegen.

Ist eine inverse Zinskurve schlecht?

Nicht im Sinne von automatisch «gut» oder «schlecht». Sie zeigt zunächst lediglich, dass kurzfristige Renditen über langfristigen Renditen liegen. Wirtschaftlich kann dies auf Erwartungen einer schwächeren Konjunktur und später sinkender Zinsen hindeuten. Für Anleger ist sie deshalb ein relevantes Signal, aber keine sichere Prognose.

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