Zinseszinseffekt beim Geld anlegen: So wächst Vermögen mit der Zeit

Beim Vermögensaufbau gibt es einen Faktor, der nichts kostet und trotzdem erstaunlich wertvoll sein kann: Zeit.

Wer Erträge nicht ausgibt, sondern wieder anlegt, kann künftig nicht nur auf dem ursprünglich investierten Kapital eine Rendite erzielen. Auch die bereits erwirtschafteten Erträge können weitere Erträge generieren. Genau darin liegt der Zinseszinseffekt.

Was anfangs unspektakulär aussieht, kann über Jahrzehnte einen erheblichen Unterschied machen. Allerdings nur, wenn Renditen tatsächlich erzielt werden. Denn beim Investieren gibt es keinen garantierten Zinseszinseffekt.

Kurz gesagt

  • Beim Zinseszins werden erzielte Zinsen wieder angelegt und können dadurch selbst weitere Zinsen erwirtschaften.
  • Bei Wertschriften spricht man genauer von einem Rendite-auf-Rendite-Effekt, wenn Erträge investiert bleiben oder wieder angelegt werden.
  • Je länger der Anlagehorizont, desto stärker kann sich dieser Effekt bemerkbar machen.
  • Regelmässige Einzahlungen können den langfristigen Vermögensaufbau zusätzlich unterstützen.
  • Kosten wirken in die Gegenrichtung. Geld, das als Gebühr abfliesst, kann künftig keine Rendite mehr erwirtschaften.
  • Modellrechnungen mit einer konstanten Rendite erklären den Mechanismus, sind aber keine Prognosen für die tatsächliche Entwicklung einer Anlage.

Was ist der Zinseszinseffekt?

Der Zinseszinseffekt entsteht, wenn erwirtschaftete Zinsen nicht ausbezahlt, sondern wieder angelegt werden.

Ein einfaches Beispiel:

Sie legen 10'000 Franken zu einem angenommenen Zinssatz von 5 Prozent pro Jahr an.

Nach einem Jahr erhalten Sie 500 Franken Zins. Ihr Kapital beträgt nun 10'500 Franken.

Im zweiten Jahr werden die angenommenen 5 Prozent nicht mehr nur auf die ursprünglichen 10'000 Franken berechnet, sondern auf 10'500 Franken. Der Ertrag beträgt deshalb 525 Franken.

Nach zwei Jahren verfügen Sie über 11'025 Franken.

Die zusätzlichen 25 Franken wirken zunächst nicht besonders spektakulär. Geben Sie ihnen 30 Jahre Zeit, sieht die Sache anders aus.

Was werden aus 10'000 Franken nach 30 Jahren?

Nehmen wir an, 10'000 Franken bleiben während 30 Jahren angelegt und erzielen jedes Jahr konstant 5 Prozent. Sämtliche Erträge werden wieder angelegt.

Laufzeit

Modelliertes Vermögen

Start

10'000 Franken

10 Jahre

16'289 Franken

20 Jahre

26'533 Franken

30 Jahre

43'219 Franken

Aus 10'000 Franken werden in dieser vereinfachten Modellrechnung nach 30 Jahren rund 43'219 Franken, obwohl kein weiterer Franken eingezahlt wurde.

Der Grund liegt darin, dass das Vermögen nicht linear wächst. Die bereits erzielten Erträge bleiben investiert und können ihrerseits weitere Erträge erwirtschaften.

Oder etwas weniger mathematisch formuliert: Irgendwann arbeitet nicht mehr nur Ihr ursprüngliches Geld. Auch dessen bisherige Arbeit arbeitet mit.

Die Rechnung basiert allerdings auf einer konstanten Rendite von 5 Prozent. Das ist eine Modellannahme und keine Renditeprognose.

Wie berechnet man den Zinseszins?

Für eine einmalige Anlage lässt sich der zukünftige Wert vereinfacht mit folgender Formel berechnen:

Endkapital = Anfangskapital × (1 + Rendite)^Laufzeit

Bei 10'000 Franken, einer angenommenen jährlichen Rendite von 5 Prozent und einer Laufzeit von 30 Jahren ergibt sich:

10'000 × (1,05)^30 = 43'219 Franken

Die Mathematik ist einfach. Schwieriger ist die Realität.

Bei einer tatsächlichen Geldanlage ist die Rendite nicht jedes Jahr gleich. Aktienmärkte können stark steigen, fallen oder über längere Zeit kaum vorankommen. Zudem beeinflussen Kosten, Steuern und gegebenenfalls Ausschüttungen das tatsächliche Ergebnis.

Die Formel erklärt deshalb den Mechanismus. Sie sagt nicht voraus, wie viel Geld Sie in 30 Jahren besitzen werden.

Funktioniert der Zinseszinseffekt auch bei Aktien und Fonds?

Ja, allerdings ist der Begriff dort etwas vereinfacht.

Bei einem Sparkonto entstehen tatsächlich Zinsen auf bereits gutgeschriebene Zinsen. Bei Aktien, ETFs oder Anlagefonds setzt sich die Rendite dagegen beispielsweise aus Kursveränderungen und Ausschüttungen zusammen.

Bleiben Kursgewinne investiert und werden Ausschüttungen wieder angelegt, kann ein vergleichbarer Rendite-auf-Rendite-Effekt entstehen.

Nehmen wir wiederum 10'000 Franken und unterstellen vereinfacht eine durchschnittliche Rendite von 5 Prozent pro Jahr. Bleibt das gesamte Vermögen investiert, ergibt sich mathematisch dieselbe Entwicklung wie im obigen Beispiel.

In der Realität verläuft sie allerdings nicht als schöne Kurve mit exakt 5 Prozent pro Jahr.

Das wäre praktisch. Die Börse hat dafür leider kein Formular vorgesehen.

Ein breit diversifiziertes Aktienportfolio kann langfristig attraktive Renditechancen bieten, unterliegt aber Wertschwankungen und Verlustrisiken. Eine höhere Aktienquote erhöht die Rendite nicht garantiert. Sie geht typischerweise auch mit höheren Schwankungen und Risiken einher.

Welche Aktienquote sinnvoll ist, hängt deshalb unter anderem vom Anlagehorizont, von der Risikofähigkeit und von der Risikobereitschaft ab.

Warum ist Zeit beim Zinseszinseffekt so wichtig?

Der Zinseszinseffekt braucht vor allem eines: Zeit.

Vergleichen wir dieselben 10'000 Franken bei einer angenommenen Rendite von 5 Prozent:

Anlagehorizont

Modelliertes Endvermögen

10 Jahre

16'289 Franken

20 Jahre

26'533 Franken

30 Jahre

43'219 Franken

40 Jahre

70'400 Franken

Die letzten zehn Jahre tragen in diesem Beispiel mehr zum Vermögenswachstum bei als die ersten zwanzig Jahre zusammen.

Genau deshalb ist ein früher Start beim langfristigen Investieren so wirkungsvoll. Nicht weil frühe Anlegerinnen und Anleger die besseren Aktien kennen, sondern weil ihr Kapital länger arbeiten kann.

Zeit ersetzt allerdings keine vernünftige Anlagestrategie. Ein ungeeignetes Portfolio wird nicht automatisch gut, nur weil man lange genug wartet.

Zinseszins und Sparplan: Warum regelmässiges Investieren zusätzlich wirkt

Noch interessanter wird die Rechnung, wenn nicht nur einmalig investiert wird, sondern regelmässig weiteres Kapital hinzukommt.

Nehmen wir einen monatlichen Sparbetrag von 200 Franken und wiederum eine modellhafte durchschnittliche Rendite von 5 Prozent pro Jahr.

Nach 30 Jahren wurden insgesamt 72'000 Franken eingezahlt. Durch die angenommene Wertentwicklung könnte daraus ein deutlich höheres Vermögen entstehen.

Ein Sparplan kombiniert dabei zwei Mechanismen: neues Kapital kommt regelmässig hinzu und bereits erzielte Erträge bleiben investiert.

Der wichtigste Vorteil eines Sparplans ist aber nicht eine magische Renditeformel. Er schafft Disziplin. Wer einen Dauerauftrag einrichtet, muss nicht jeden Monat erneut entscheiden, ob jetzt gerade ein guter Zeitpunkt zum Investieren ist.

Mehr dazu lesen Sie in unserem Blog zum Sparplan.

Warum Gebühren den Zinseszinseffekt bremsen

Der Zinseszinseffekt hat eine weniger sympathische Seite.

Kosten reduzieren nicht nur Ihr Vermögen heute. Das Geld, das heute als Gebühr abfliesst, steht auch morgen nicht mehr zur Verfügung, um weitere Rendite zu erwirtschaften.

Nehmen wir ein Anfangsvermögen von 100'000 Franken und eine vereinfachte Bruttorendite von 5 Prozent pro Jahr.

Bei jährlichen Gesamtkosten von 0,5 Prozent verbleiben unter diesen vereinfachten Annahmen 4,5 Prozent Rendite vor Steuern. Bei Kosten von 1 Prozent bleiben 4 Prozent.

Jährliche Nettorendite nach vereinfachter Kostenannahme

Vermögen nach 30 Jahren

4,5 %

rund 374'500 Franken

4,0 %

rund 324'300 Franken

Differenz

rund 50'200 Franken

Ein halber Prozentpunkt klingt klein.

Über 30 Jahre sind rund 50'000 Franken schon weniger niedlich.

Auch diese Rechnung ist bewusst vereinfacht. Sie zeigt aber, weshalb Anlegerinnen und Anleger nicht nur auf Renditechancen, sondern auch auf die Gesamtkosten einer Anlagelösung achten sollten.

Mehr dazu erklären wir in unserem Blog zu den Kosten der Vermögensverwaltung.

Was beeinflusst den Zinseszinseffekt beim Investieren?

Wie stark sich Vermögen langfristig entwickeln kann, hängt von mehreren Faktoren ab.

Anlagehorizont: Je länger Erträge investiert bleiben können, desto mehr Zeit hat der Rendite-auf-Rendite-Effekt.

Rendite: Schon kleine Unterschiede in der durchschnittlichen Rendite können über Jahrzehnte zu erheblichen Unterschieden beim Endvermögen führen. Höhere Renditechancen gehen allerdings in der Regel mit höheren Risiken einher.

Kosten: Gebühren reduzieren die Nettorendite und damit auch das Kapital, das künftig weiterarbeiten kann.

Wiederanlage: Werden Ausschüttungen konsumiert statt reinvestiert, steht dieses Geld für den weiteren Vermögensaufbau nicht mehr zur Verfügung.

Einzahlungen: Regelmässige zusätzliche Investitionen erhöhen das investierte Kapital und können den langfristigen Vermögensaufbau erheblich beschleunigen.

Steuern: Je nach Anlageform und persönlicher Situation können Steuern die tatsächlich verfügbare Rendite beeinflussen.

Inflation: Ein Vermögen von 100'000 Franken in 30 Jahren hat nicht dieselbe Kaufkraft wie 100'000 Franken heute. Für langfristige Finanzziele zählt deshalb nicht nur das nominale Vermögen, sondern auch dessen reale Kaufkraft.

Zinseszins ist kein Grund, Risiken auszublenden

Zinseszinsrechner haben eine angenehme Eigenschaft: Die Kurve zeigt meistens nach oben.

Kapitalmärkte sind weniger höflich.

Wer in Aktien, Fonds oder ETFs investiert, muss mit Kursschwankungen rechnen. Verluste sind möglich, und auch ein langer Anlagehorizont garantiert keine bestimmte Rendite.

Deshalb sollte die Botschaft nicht lauten: «Investieren Sie möglichst aggressiv, damit der Zinseszins möglichst gross wird.»

Sondern: Wählen Sie eine Anlagestrategie, deren Risiken Sie finanziell und emotional tragen können, halten Sie die Kosten im Blick und geben Sie dem investierten Kapital genügend Zeit.

Denn der Zinseszinseffekt funktioniert nur mit Rendite. Durchhalten funktioniert nur mit einer Strategie, die zu Ihnen passt.

Wie lässt sich der Zinseszinseffekt sinnvoll nutzen?

Für den langfristigen Vermögensaufbau sind einige Grundsätze wichtiger als komplizierte Tricks:

  • Beginnen Sie möglichst früh, sofern Ihre finanzielle Situation das erlaubt.

  • Investieren Sie nur Geld, das Sie entsprechend Ihrem Anlagehorizont nicht kurzfristig benötigen.

  • Wählen Sie eine breit diversifizierte Anlagestrategie, die zu Ihrer Risikofähigkeit und Risikobereitschaft passt.

  • Legen Sie Erträge wieder an, wenn Sie das Kapital langfristig aufbauen möchten.

  • Investieren Sie regelmässig, beispielsweise mit einem Sparplan.

  • Achten Sie auf die Gesamtkosten Ihrer Anlagelösung.

  • Lassen Sie sich von kurzfristigen Marktbewegungen nicht zu unüberlegten Entscheidungen verleiten.

Klingt weniger aufregend als der nächste Börsen-Geheimtipp.

Das ist eher ein Vorteil.

Häufige Fragen zum Zinseszinseffekt

Was ist der Zinseszinseffekt einfach erklärt?

Beim Zinseszinseffekt werden erwirtschaftete Zinsen wieder angelegt. Dadurch können in späteren Perioden auch auf bereits erzielte Zinsen weitere Zinsen entstehen. Beim Investieren in Wertschriften entsteht ein vergleichbarer Effekt, wenn Erträge investiert bleiben oder wieder angelegt werden.

Wie stark ist der Zinseszinseffekt nach 10, 20 oder 30 Jahren?

Das hängt von Anfangskapital, Rendite, Kosten, zusätzlichen Einzahlungen und Anlagehorizont ab. Bei einer vereinfachten Modellrechnung mit 10'000 Franken und konstant 5 Prozent Rendite entstehen nach 10 Jahren rund 16'289 Franken, nach 20 Jahren 26'533 Franken und nach 30 Jahren 43'219 Franken.

Ab wann lohnt sich der Zinseszinseffekt?

Es gibt keine feste Mindestdauer. Der Effekt beginnt mathematisch bereits mit der ersten Wiederanlage von Erträgen. Seine Bedeutung nimmt jedoch mit der Anlagedauer zu. Deshalb ist ein langer Anlagehorizont besonders wertvoll.

Gibt es Zinseszins bei Aktien?

Nicht im engeren Sinn wie bei einem verzinsten Konto. Bei Aktien kann jedoch ein vergleichbarer Rendite-auf-Rendite-Effekt entstehen. Kursgewinne bleiben im investierten Kapital enthalten, während Dividenden wieder angelegt werden können.

Sind 5 Prozent Rendite pro Jahr realistisch?

Die in diesem Blog verwendeten 5 Prozent sind eine Modellannahme und keine Prognose. Die tatsächliche Rendite einer Anlage hängt von der Anlagestrategie, der Marktentwicklung, den Kosten und weiteren Faktoren ab. Sie kann über einen bestimmten Zeitraum höher oder tiefer ausfallen und auch negativ sein.

Warum sind tiefe Gebühren beim Zinseszinseffekt wichtig?

Gebühren reduzieren das investierte Vermögen. Dadurch fehlt nicht nur der bezahlte Betrag, sondern auch die Rendite, die dieses Kapital künftig hätte erzielen können. Kleine Kostenunterschiede können deshalb über lange Anlagezeiträume einen erheblichen Einfluss auf das Endvermögen haben.

Was ist wichtiger: Rendite oder Anlagehorizont?

Beide Faktoren beeinflussen die langfristige Vermögensentwicklung. Eine höhere angenommene Rendite führt mathematisch zu stärkerem Wachstum, ist in der Realität aber meist mit höheren Risiken verbunden. Ein langer Anlagehorizont lässt sich dagegen nicht später nachholen. Welche Anlagestrategie sinnvoll ist, hängt immer auch von Risikofähigkeit und Risikobereitschaft ab.

Fazit: Beim Zinseszins ist Zeit der unterschätzte Teil der Rechnung

Der Zinseszinseffekt zeigt, weshalb langfristiges Investieren so wirkungsvoll sein kann. Erträge bleiben investiert, erwirtschaften weitere Erträge und können das Vermögenswachstum über die Jahre zunehmend beschleunigen.

Dafür braucht es weder eine geheime Formel noch den perfekten Einstiegszeitpunkt.

Es braucht Zeit, eine passende Anlagestrategie, vernünftige Kosten und die Disziplin, investiert zu bleiben.

Die Mathematik übernimmt dann einen Teil der Arbeit. Die Rendite garantiert sie allerdings nicht.

Disclaimer: Dieser Blog dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt keine individuelle Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung und keine Empfehlung für eine bestimmte Anlagestrategie dar. Sämtliche Berechnungen sind vereinfachte Modellbeispiele und keine Renditeprognosen. Anlagen in Wertschriften unterliegen Wertschwankungen und Verlustrisiken. Historische Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Die geeignete Anlagestrategie hängt unter anderem von der persönlichen finanziellen Situation, dem Anlageziel, dem Anlagehorizont sowie der Risikofähigkeit und Risikobereitschaft ab.