Active Share: Wie aktiv ist ein aktiver Fonds wirklich?

Ein aktiver Fonds kostet meist mehr als ein passiver. Das kann durchaus sinnvoll sein. Schliesslich bezahlt man für Research, Portfoliokonstruktion und eine Anlagestrategie, die bewusst von einem Index abweicht.

Problematisch wird es nur, wenn der Fonds zwar aktiv heisst und aktive Gebühren verlangt, sich im Portfolio aber kaum von seiner Benchmark unterscheidet.

Dann bezahlen Anlegerinnen und Anleger möglicherweise für aktives Management.

Und bekommen ziemlich viel Index.

Genau hier wird der Active Share interessant.

Die Kennzahl misst, wie stark die Zusammensetzung eines Portfolios von seiner Benchmark abweicht.

Sie beantwortet damit eine erstaunlich einfache Frage:

Wie aktiv ist ein aktiver Fonds eigentlich wirklich?

Kurz zusammengefasst

  • Der Active Share misst, wie stark die Positionen und Gewichtungen eines Portfolios von seiner Benchmark abweichen.

  • Ein Active Share von 0% bedeutet eine vollständige Übereinstimmung mit der Benchmark. Bei 100% gibt es keine Überschneidung.

  • Die Kennzahl wurde von Martijn Cremers und Antti Petajisto entwickelt.

  • Besonders interessant ist der Active Share bei aktiven Fonds, weil er zeigt, ob das Portfolio tatsächlich deutlich vom Index abweicht.

  • Ein niedriger Active Share bei gleichzeitig hohen aktiven Gebühren kann ein Hinweis auf sogenanntes Closet Indexing sein.

  • Ein hoher Active Share ist keine Garantie für eine Outperformance. Anders investieren und besser investieren sind zwei verschiedene Dinge.

  • Active Share sollte deshalb nie isoliert betrachtet werden. Kosten, Nettoperformance, Risiko, Track Record und Anlageprozess gehören ebenfalls zur Beurteilung.

Was ist der Active Share?

Der Active Share ist eine Kennzahl, die misst, wie stark sich ein Portfolio von seiner Benchmark unterscheidet.

Die Idee dahinter ist einfach.

Angenommen, ein Fonds vergleicht sich mit dem MSCI World.

Hält er dieselben Aktien in praktisch denselben Gewichtungen wie der Index, ist sein Active Share sehr tief.

Weicht er dagegen deutlich von der Zusammensetzung und Gewichtung des MSCI World ab, steigt der Active Share.

Die Kennzahl bewegt sich zwischen 0% und 100%.

0% Active Share

Das Portfolio entspricht vollständig der Benchmark.

100% Active Share

Das Portfolio und die Benchmark weisen keine Überschneidungen auf.

Dazwischen liegt die reale Welt.

Ein Active Share von beispielsweise 70% bedeutet vereinfacht, dass sich ein erheblicher Teil des Portfolios hinsichtlich Positionen beziehungsweise Gewichtungen von der Benchmark unterscheidet.

Die Kennzahl sagt damit etwas über den Grad der aktiven Positionierung aus.

Noch nicht über deren Qualität.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Warum ist der Active Share überhaupt interessant?

Weil aktive Fonds normalerweise mehr kosten als passive Fonds.

Das ist zunächst weder gut noch schlecht.

Wer eine echte aktive Anlagestrategie kauft, bezahlt für Entscheidungen.

Welche Unternehmen werden stärker gewichtet?

Welche werden reduziert oder gar nicht gehalten?

Wie wird das Risiko gesteuert?

Welche Marktineffizienzen versucht die Strategie zu nutzen?

Wenn sich das Ergebnis dieser Entscheidungen aber kaum von der Benchmark unterscheidet, stellt sich eine berechtigte Frage:

Wofür bezahle ich die höheren Gebühren?

Genau deshalb kann der Active Share für Anlegerinnen und Anleger nützlich sein.

Er schaut gewissermassen unter die Motorhaube.

Auf dem Fondsprospekt steht «aktiv».

Der Active Share zeigt, wie viel davon im Portfolio ankommt.

Was ist Closet Indexing?

Als Closet Indexing bezeichnet man vereinfacht einen Fonds, der als aktiv verwaltet vermarktet wird, in seiner Zusammensetzung aber relativ nahe an seiner Benchmark bleibt.

Das Problem ist nicht die Nähe zum Index an sich.

Ein passiver Fonds macht genau das bewusst – und typischerweise zu entsprechend tiefen Kosten.

Problematisch wird die Kombination:

nahe am Index + Gebühren für aktives Management.

Denn Gebühren müssen zuerst verdient werden.

Je höher die laufenden Kosten, desto höher muss die zusätzliche Bruttorendite sein, damit Anlegerinnen und Anleger nach Kosten überhaupt einen Mehrwert erhalten.

Oder einfacher:

Für Indexnähe braucht es keinen teuren Umweg.

Der Active Share kann helfen, solche Konstellationen sichtbar zu machen.

Er beweist allerdings nicht automatisch, dass ein Fonds zu teuer ist oder schlecht verwaltet wird.

Dafür braucht es weitere Informationen.

Bedeutet ein hoher Active Share eine höhere Rendite?

Nein.

Und genau hier wird die Kennzahl häufig falsch interpretiert.

Ein hoher Active Share sagt:

Dieser Fonds investiert deutlich anders als seine Benchmark.

Er sagt nicht:

Dieser Fonds investiert besser als seine Benchmark.

Ein Fonds kann einen Active Share von 90% haben und hervorragend abschneiden.

Er kann einen Active Share von 90% haben und deutlich hinter dem Markt zurückbleiben.

Beides ist möglich.

Denn wer stark von einer Benchmark abweicht, erhöht zunächst einmal die Möglichkeit, anders abzuschneiden.

In beide Richtungen.

Eine Outperformance entsteht nicht dadurch, dass ein Portfolio anders ist.

Sie entsteht nur, wenn die aktiven Entscheidungen nach Kosten besser funktionieren als die Alternative.

Active Share misst deshalb Aktivität, nicht Können.

Das klingt nach einer kleinen semantischen Unterscheidung.

Für Anlegerinnen und Anleger ist es eine ziemlich wichtige.

Meine persönliche Erfahrung mit Active Share

Zu Beginn meiner Karriere habe ich Fonds ähnlich beurteilt wie viele Anlegerinnen und Anleger.

Vergangene Performance anschauen.

Kosten prüfen.

Vielleicht noch das Morningstar-Rating.

Und fertig.

Später beschäftigte ich mich intensiver damit, wie ein aktiver Fonds seine Performance eigentlich erzielt.

Dabei stiess ich auf Active Share.

Der Aha-Moment kam bei einem Fonds, in den ich selbst investiert hatte.

Er wurde aktiv verwaltet und verlangte entsprechend höhere Managementgebühren.

Ich ging davon aus, dass ich dafür ein Portfolio erhielt, das aufgrund eigener Überzeugungen deutlich vom Markt abwich.

Beim genaueren Blick zeigte sich jedoch:

Der Fonds lag erstaunlich nahe an seiner Benchmark.

Das hat meine Sicht auf aktive Fonds verändert.

Heute interessiert mich bei einem aktiven Produkt nicht nur, was es kostet.

Ich möchte wissen, wofür ich bezahle.

Active Share ist dafür keine perfekte Kennzahl.

Aber eine sehr nützliche.

Wie wird der Active Share berechnet?

Die Berechnung vergleicht die Gewichtung jeder Position im Portfolio mit ihrer Gewichtung in der Benchmark.

Vereinfacht lautet die Formel:

Active Share = ½ × Summe der absoluten Gewichtungsunterschiede zwischen Portfolio und Benchmark

Warum die Hälfte?

Weil jede Abweichung rechnerisch zweimal auftaucht.

Wird eine Aktie gegenüber dem Index stärker gewichtet, muss an anderer Stelle zwangsläufig weniger Gewicht vorhanden sein.

Der Faktor ½ verhindert diese Doppelzählung.

Für Anlegerinnen und Anleger ist die Formel allerdings weniger wichtig als ihre Interpretation.

Je höher der Active Share, desto stärker unterscheidet sich das Portfolio von seiner Benchmark.

Ist ein Active Share von über 60% gut?

So einfach ist es nicht.

In der Praxis werden teilweise Schwellenwerte verwendet, um Fonds nach ihrem Aktivitätsgrad einzuordnen.

Aber daraus sollte keine magische Grenze werden.

59% schlecht.

61% gut.

Finanzmärkte funktionieren selten so komfortabel.

Wie hoch ein plausibler Active Share ist, hängt unter anderem von der Benchmark und dem Anlageuniversum ab.

Ein Fonds, der in einem konzentrierten Markt investiert, hat andere Voraussetzungen als ein globaler Aktienfonds mit Tausenden möglichen Titeln.

Auch Anlagebeschränkungen, Nachhaltigkeitskriterien oder Risikovorgaben beeinflussen die Kennzahl.

Deshalb ist der Active Share am nützlichsten als Vergleichs- und Diagnoseinstrument.

Nicht als Gütesiegel.

Active Share und Tracking Error sind nicht dasselbe

Zwei Kennzahlen werden häufig miteinander verwechselt.

Active Share und Tracking Error.

Sie messen aber unterschiedliche Dinge.

Der Active Share betrachtet die Zusammensetzung des Portfolios.

Er fragt:

Wie anders ist das Portfolio investiert?

Der Tracking Error betrachtet dagegen die Schwankung der Renditedifferenz gegenüber der Benchmark.

Er fragt vereinfacht:

Wie stark bewegt sich die Performance des Portfolios relativ zur Benchmark?

Ein Fonds kann deshalb einen relativ hohen Active Share haben, ohne dass sein Tracking Error im gleichen Ausmass hoch sein muss.

Gerade die Kombination verschiedener Kennzahlen kann ein besseres Bild davon geben, wie aktiv eine Strategie tatsächlich ist.

Eine einzelne Zahl erzählt selten die ganze Geschichte.

Auch wenn Excel das gerne anders suggeriert.

Was hat Active Share mit Gebühren zu tun?

Eine ganze Menge.

Nicht weil ein hoher Active Share automatisch hohe Gebühren rechtfertigt.

Sondern weil bei einem teuren aktiven Fonds die Frage nach der tatsächlichen Aktivität besonders relevant wird.

Nehmen wir zwei Fonds.

Fonds A kostet 0,20% pro Jahr und bildet transparent einen Index ab.

Fonds B kostet 1,20% und bezeichnet sich als aktiv.

Wenn Fonds B praktisch dasselbe Portfolio hält wie Fonds A, beginnt die Gebührenfrage interessant zu werden.

Denn der aktive Fonds startet jedes Jahr mit einem Kostennachteil.

Damit sich dieser lohnt, muss das Management langfristig einen entsprechenden Mehrwert erzielen.

Deshalb sollten Anlegerinnen und Anleger nicht nur auf die Kosten schauen.

Aber eben auch nicht nur auf Active Share.

Entscheidend ist, was nach Kosten übrig bleibt.

Genau darum geht es auch in unserem Blog «Gebühren oder Performance: Was beim Anlegen wirklich zählt».

Aktiv oder passiv ist nicht die wichtigste Frage

Die Finanzwelt liebt Lager.

Aktiv gegen passiv.

ETF gegen Fondsmanager.

Menschen gegen Algorithmen.

Für Anlegerinnen und Anleger ist diese Diskussion häufig weniger wichtig als gedacht.

Ein guter passiver Fonds kann eine sehr effiziente Möglichkeit sein, einen Markt breit und kostengünstig abzubilden.

Eine gute aktive Strategie kann bewusst von einer klassischen Marktkapitalisierung abweichen und dadurch ein anderes Rendite-Risiko-Profil anstreben.

Entscheidend ist, dass man versteht, was man kauft.

Passiv sollte wirklich passiv und kosteneffizient sein.

Aktiv sollte wirklich aktiv sein und einen nachvollziehbaren Anlageprozess besitzen.

Was weniger überzeugt:

Aktive Preise für passive Ideen.

Wie sollte man einen aktiven Fonds beurteilen?

Active Share ist ein guter Anfang.

Nicht das Ende der Analyse.

Bei einem aktiven Fonds würde ich zusätzlich auf den Anlageprozess, die Kosten, die Benchmark, die langfristige Nettoperformance und das eingegangene Risiko achten.

Auch der Track Record ist relevant.

Dabei sollte nicht nur gefragt werden, ob der Fonds seine Benchmark geschlagen hat.

Sondern auch:

Wie wurde die Rendite erzielt?

Mit welchem Risiko?

Wie konsistent war der Anlageprozess?

Wie verhielt sich die Strategie in unterschiedlichen Marktphasen?

Und wie viel der Bruttoperformance blieb nach Gebühren für die Anlegerinnen und Anleger übrig?

Denn am Ende landet nicht der Active Share auf Ihrem Konto.

Die Nettoperformance tut es.

Welche Rolle spielt Active Share bei Descartes?

Descartes bietet sowohl passive als auch aktive Anlagestrategien an.

Bei den passiven Strategien geht es um eine effiziente, regelbasierte Umsetzung des gewählten Anlagekonzepts. Dass auch passive Strategien trotz ähnlicher Aktienquote unterschiedliche Resultate erzielen können, erklären wir in unserem Blog «Passiv ist nicht gleich passiv».

Bei aktiven Strategien ist dagegen entscheidend, dass die Abweichung vom klassischen Marktportfolio bewusst erfolgt und Teil eines nachvollziehbaren Anlageprozesses ist.

Active Share kann dabei helfen, diese Abweichung sichtbar zu machen.

Die Kennzahl allein entscheidet jedoch nicht darüber, ob eine Strategie gut ist.

Entscheidend bleibt das Gesamtpaket:

Anlagekonzept.

Diversifikation.

Risiko.

Kosten.

Umsetzung.

Und langfristige Nettoperformance.

Nicht ganz so bequem wie eine einzige Kennzahl.

Dafür näher an der Realität.

Fazit: Active Share zeigt Aktivität. Nicht Qualität.

Active Share beantwortet eine wichtige Frage:

Wie stark unterscheidet sich ein Fonds tatsächlich von seiner Benchmark?

Gerade bei aktiv verwalteten Fonds ist das wertvoll.

Denn wer höhere Gebühren für aktives Management bezahlt, darf erwarten, dass im Portfolio auch tatsächlich aktive Entscheidungen sichtbar werden.

Ein hoher Active Share allein macht einen Fonds aber noch nicht gut.

Er schafft lediglich die Voraussetzung dafür, deutlich anders als die Benchmark abzuschneiden.

Ob daraus langfristig eine Outperformance wird, hängt von der Qualität der Strategie, ihrer Umsetzung, den Kosten und der Marktentwicklung ab.

Deshalb sollte Active Share nie isoliert betrachtet werden.

Oder in einem Satz:

Active Share zeigt, ob ein Fonds eigene Wege geht. Nicht, ob er am richtigen Ort ankommt.

Häufige Fragen zum Active Share

Was bedeutet Active Share?

Active Share misst, wie stark sich die Zusammensetzung und Gewichtung eines Portfolios von seiner Benchmark unterscheidet. Die Kennzahl liegt zwischen 0% und 100%.

Was bedeutet ein Active Share von 0%?

Ein Active Share von 0% bedeutet, dass das Portfolio hinsichtlich der gemessenen Positionen und Gewichtungen vollständig mit der Benchmark übereinstimmt.

Was bedeutet ein Active Share von 100%?

Bei einem Active Share von 100% gibt es keine Überschneidung zwischen Portfolio und Benchmark.

Ist ein hoher Active Share gut?

Nicht automatisch. Ein hoher Wert zeigt lediglich, dass sich ein Portfolio stark von seiner Benchmark unterscheidet. Er sagt nichts darüber aus, ob diese Abweichungen zukünftig eine höhere Rendite erzielen.

Was ist Closet Indexing?

Closet Indexing bezeichnet einen aktiv vermarkteten Fonds, dessen Portfolio relativ nahe an seiner Benchmark liegt. Besonders kritisch kann dies sein, wenn gleichzeitig deutlich höhere Gebühren als bei einer kostengünstigen passiven Alternative verlangt werden.

Garantiert ein hoher Active Share eine Outperformance?

Nein. Ein hoher Active Share erhöht die Möglichkeit, deutlich anders als die Benchmark abzuschneiden – sowohl positiv als auch negativ. Eine Outperformance ist nicht garantiert.

Was ist der Unterschied zwischen Active Share und Tracking Error?

Active Share misst Unterschiede in der Portfoliozusammensetzung. Tracking Error misst dagegen, wie stark die Renditedifferenz eines Portfolios gegenüber seiner Benchmark im Zeitverlauf schwankt. Beide Kennzahlen betrachten unterschiedliche Aspekte aktiven Managements.

Ist aktives oder passives Investieren besser?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Passive Strategien bieten typischerweise eine kostengünstige und transparente Marktabbildung. Aktive Strategien versuchen bewusst, von einer Benchmark abzuweichen beziehungsweise ein anderes Rendite-Risiko-Profil zu erreichen. Entscheidend sind Anlagekonzept, Kosten, Risiko, Umsetzung und langfristige Nettoperformance.

Disclaimer: Dieser Blog dient ausschliesslich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf eines Finanzinstruments dar. Kennzahlen wie Active Share, historische Performance und Track Record erlauben keine verlässliche Prognose zukünftiger Renditen. Anlagen in Wertschriften sind mit Risiken verbunden und können an Wert verlieren.