Angst vor Kapitalverzehr in der Pensionierung: Was Anleger:innen tun können
Der Übergang in die Pensionierung verändert nicht nur die finanzielle Situation. Auch psychologisch beginnt eine neue Phase: Nach Jahrzehnten des Sparens und Investierens wird das aufgebaute Vermögen plötzlich zur Finanzierung des Lebensunterhalts eingesetzt.
Für viele Anleger:innen entsteht daraus eine zentrale Frage: Reicht mein Vermögen für den Rest meines Lebens?
Die Angst vor Kapitalverzehr ist deshalb auch bei Menschen verbreitet, die finanziell gut aufgestellt sind. Entscheidend ist, die Unsicherheit nicht einfach auszublenden, sondern sie mit einer realistischen Finanz- und Entnahmeplanung zu reduzieren.
Kurz zusammengefasst
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Der Wechsel vom Vermögensaufbau zur Entnahme fällt vielen Anleger:innen psychologisch schwer.
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Eine der grössten Unsicherheiten ist die Frage, wie lange das Vermögen reichen muss.
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Marktschwankungen zu Beginn der Pensionierung können aufgrund des Sequenzrisikos besonders relevant sein.
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Ein Liquiditätspolster, flexible Entnahmeregeln und planbare Einkommen können die finanzielle Stabilität erhöhen.
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Ein strukturierter Entnahmeplan hilft Anleger:innen, Ausgaben, Einkommen und Vermögen aufeinander abzustimmen.
Warum macht Kapitalverzehr vielen Anleger:innen Angst?
Kapitalverzehr bedeutet zunächst lediglich, dass angespartes Vermögen während der Pensionierung für den vorgesehenen Zweck eingesetzt wird. Trotzdem kann sich eine Vermögensentnahme wie ein finanzieller Rückschritt anfühlen.
Dafür gibt es mehrere Gründe.
1. Der mentale Wechsel: vom Sparen zum Entnehmen
Während des Erwerbslebens lautet das finanzielle Ziel meist: Vermögen aufbauen. Anleger:innen sparen, investieren und sorgen für die Zukunft vor.
Mit der Pensionierung kehrt sich diese Logik um. Das Vermögen soll nun Einkommen ergänzen oder teilweise ersetzen. Statt regelmässig Kapital hinzuzufügen, beginnen Anleger:innen, Geld aus ihrem Portfolio zu entnehmen.
Dieser Wechsel kann psychologisch anspruchsvoll sein. Ein sinkender Kontostand oder ein kleiner werdendes Portfolio wird schnell als Verlust wahrgenommen – selbst wenn die Entnahmen von Anfang an Teil der Finanzplanung waren.
Ein durchdachter Entnahmeplan kann helfen, diesen Perspektivenwechsel zu erleichtern. Kapitalverzehr wird damit nicht als ungeplanter Verlust betrachtet, sondern als bewusst eingeplanter Bestandteil der Altersvorsorge.
2. Niemand kennt die eigene Lebensdauer
Eine zentrale Herausforderung der Pensionsplanung ist das Langlebigkeitsrisiko: Anleger:innen wissen nicht, wie lange ihr Vermögen reichen muss.
Wer mit 65 pensioniert wird, plant möglicherweise für einen Zeitraum von 20, 30 oder mehr Jahren. Bei einer Frühpensionierung verlängert sich der Zeitraum entsprechend.
Noch ausgeprägter ist diese Fragestellung bei Konzepten wie FIRE – Financial Independence, Retire Early. Wer deutlich vor dem ordentlichen Pensionierungsalter nicht mehr auf ein Erwerbseinkommen angewiesen sein möchte, benötigt eine Entnahmestrategie für einen besonders langen Zeitraum.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: «Wie viel Vermögen habe ich heute?», sondern auch: Welche nachhaltigen Ausgaben kann dieses Vermögen über einen langen Zeitraum finanzieren?
3. Marktschwankungen können Entnahmepläne belasten
Auch während der Pensionierung kann ein Teil des Vermögens investiert bleiben. Damit besteht weiterhin die Chance auf Rendite – gleichzeitig sind Anleger:innen Marktschwankungen ausgesetzt.
Besonders relevant ist dabei das sogenannte Sequence of Returns Risk, auf Deutsch Sequenzrisiko.
Es beschreibt das Risiko, dass starke Kursverluste ausgerechnet zu Beginn der Entnahmephase auftreten. Werden während einer solchen Marktphase gleichzeitig Wertschriften verkauft, steht anschliessend weniger Kapital zur Verfügung, um von einer möglichen Erholung der Märkte zu profitieren.
Für Anleger:innen in der Pensionierung zählt deshalb nicht nur die durchschnittliche Rendite eines Portfolios. Auch die Reihenfolge der Renditen kann für die langfristige Entwicklung des Vermögens entscheidend sein.
4. Ausgaben sind relativ konstant, Kapitalmärkte nicht
Miete oder Hypothek, Krankenkassenprämien, Lebensmittel, Steuern und andere Lebenshaltungskosten fallen unabhängig davon an, wie sich die Finanzmärkte entwickeln.
Das investierte Vermögen schwankt dagegen täglich.
Diese Asymmetrie kann Unsicherheit erzeugen: Die Ausgaben sind relativ gut vorhersehbar, ein Teil des Vermögens dagegen nicht.
Deshalb sollte die Entnahmeplanung nicht allein auf einer erwarteten Durchschnittsrendite basieren. Anleger:innen sollten auch berücksichtigen, wie sie ihre laufenden Ausgaben in schwächeren Börsenphasen finanzieren können.
Wie lässt sich die Angst vor Kapitalverzehr reduzieren?
Vollständig beseitigen lässt sich finanzielle Unsicherheit nicht. Sie kann aber strukturiert werden. Dabei geht es insbesondere darum, kurzfristige Ausgaben nicht unnötig von kurzfristigen Börsenbewegungen abhängig zu machen.
Liquiditätspolster einplanen
Ein ausreichend grosses Liquiditätspolster kann verhindern, dass Anleger:innen bei starken Marktkorrekturen sofort Wertschriften verkaufen müssen.
Wie gross dieses Polster sein sollte, hängt von der persönlichen Situation ab. Denkbar ist beispielsweise, einen Teil der erwarteten Ausgaben für die kommenden Jahre in liquiden oder schwankungsarmen Anlagen bereitzuhalten.
Ein solches Polster kann zwei Funktionen erfüllen: Es schafft finanzielle Flexibilität und kann gleichzeitig dazu beitragen, in turbulenten Marktphasen an der langfristigen Anlagestrategie festzuhalten.
Entnahmen flexibel gestalten
Nicht jede Entnahmestrategie muss jedes Jahr denselben Betrag vorsehen.
Mit dynamischen Entnahmeregeln können Anleger:innen ihre Bezüge innerhalb bestimmter Grenzen an die Entwicklung des Vermögens anpassen. Ein Beispiel dafür sind sogenannte Guardrail-Strategien.
Dabei werden im Voraus Regeln definiert, wann Entnahmen erhöht oder reduziert werden. Entwickelt sich das Portfolio beispielsweise deutlich schlechter als erwartet, können die Ausgaben vorübergehend angepasst werden. Bei einer positiven Entwicklung besteht entsprechend mehr Spielraum.
Der Vorteil: Entscheidungen werden weniger stark von der aktuellen Stimmung an den Finanzmärkten bestimmt.
Planbare Einkommen berücksichtigen
Nicht sämtliche Lebenshaltungskosten müssen aus dem Anlagevermögen finanziert werden.
AHV-Renten, Leistungen der Pensionskasse und weitere regelmässige Einkommen können einen Teil der Grundausgaben decken. Je höher der Anteil planbarer Einnahmen an den laufenden Kosten ist, desto geringer ist die unmittelbare Abhängigkeit vom investierten Vermögen.
Für die Finanzplanung ist deshalb entscheidend, Einkommen, Ausgaben und Vermögensentnahmen gemeinsam zu betrachten.
Einen realistischen Entnahmeplan erstellen
Ein strukturierter Entnahmeplan für die Altersvorsorge verbindet die verschiedenen Elemente der Pensionierungsplanung.
Dazu gehören unter anderem:
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erwartete Lebenshaltungskosten
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AHV- und Pensionskassenleistungen
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vorhandenes Vermögen
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Liquiditätsreserven
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Anlagestrategie und erwartete Renditen
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Inflation
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Steuern
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geplanter Anlagehorizont
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unterschiedliche Kapitalmarktentwicklungen
Statt sich auf eine einzelne Prognose zu verlassen, können Anleger:innen verschiedene Szenarien durchspielen. Dadurch wird sichtbar, wie robust die eigene Planung auch bei ungünstigeren Entwicklungen ist.
Kapitalverzehr ist nicht automatisch ein Problem
Ein sinkendes Vermögen während der Pensionierung ist nicht zwingend ein Warnsignal.
Vermögen wird schliesslich auch deshalb aufgebaut, um später finanzielle Bedürfnisse und persönliche Ziele zu finanzieren. Entscheidend ist daher weniger, ob Kapital verbraucht wird, sondern ob der Kapitalverzehr geplant, kontrolliert und langfristig tragbar ist.
Für manche Anleger:innen kann das Ziel darin bestehen, möglichst viel Vermögen zu erhalten oder weiterzugeben. Andere möchten ihr vorhandenes Kapital bewusst für einen bestimmten Lebensstandard einsetzen.
Die passende Entnahmestrategie hängt deshalb immer auch von den persönlichen Zielen ab.
Struktur schafft Sicherheit in der Pensionierung
Die Angst vor Kapitalverzehr ist nachvollziehbar: Anleger:innen müssen Entscheidungen für einen langen Zeitraum treffen, obwohl weder die eigene Lebensdauer noch Inflation und Kapitalmarktentwicklung exakt vorhersehbar sind.
Gerade deshalb ist eine strukturierte Planung wichtig.
Wer laufende Ausgaben kennt, planbare Einkommen berücksichtigt, ausreichend Liquidität einplant und die verbleibenden Vermögenswerte mit einer geeigneten Anlagestrategie kombiniert, schafft eine bessere Grundlage für langfristige Entnahmen.
Das Ziel muss dabei nicht sein, jede Unsicherheit auszuschliessen. Vielmehr geht es darum, einen Plan zu entwickeln, der unterschiedliche Entwicklungen verkraften kann – und Anleger:innen ermöglicht, ihr Vermögen in der Pensionierung bewusst einzusetzen.
FAQ: Kapitalverzehr in der Pensionierung
Was bedeutet Kapitalverzehr?
Von Kapitalverzehr spricht man, wenn Anleger:innen nicht nur Erträge wie Zinsen oder Dividenden verwenden, sondern auch Teile des vorhandenen Vermögens entnehmen. Während der Pensionierung kann ein solcher Kapitalverzehr ein bewusst eingeplanter Bestandteil der Altersvorsorge sein.
Wie lange muss mein Vermögen in der Pensionierung reichen?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Entscheidend sind unter anderem das Pensionierungsalter, die persönliche Lebenserwartung, die Höhe der Ausgaben, planbare Einkommen aus AHV und Pensionskasse sowie die Entwicklung des investierten Vermögens. Eine Finanzplanung sollte deshalb unterschiedliche Lebensdauern und Marktszenarien berücksichtigen.
Wie viel Kapital kann ich jährlich entnehmen?
Eine für alle Anleger:innen geeignete Entnahmerate gibt es nicht. Die nachhaltige Höhe der Entnahmen hängt unter anderem vom Anlagehorizont, der Vermögensstruktur, den laufenden Kosten, der Inflation und der Risikobereitschaft ab. Flexible Entnahmeregeln können dabei robuster sein als ein starrer jährlicher Betrag.
Was ist das Sequenzrisiko bei der Pensionierung?
Das Sequence of Returns Risk beschreibt das Risiko ungünstiger Renditen zu Beginn der Entnahmephase. Fallen die Märkte stark und müssen Anleger:innen gleichzeitig Kapital entnehmen, kann dies die langfristige Entwicklung des verbleibenden Vermögens stärker beeinträchtigen als vergleichbare Verluste zu einem späteren Zeitpunkt.
Sollte ich in der Pensionierung weiterhin investieren?
Das hängt von der persönlichen finanziellen Situation, dem Anlagehorizont und der Risikofähigkeit ab. Da eine Pensionierung mehrere Jahrzehnte dauern kann, kann ein Teil des Vermögens weiterhin langfristig investiert bleiben. Gleichzeitig sollten kurzfristig benötigte Mittel so geplant werden, dass Anleger:innen nicht bei jeder Marktschwankung Wertschriften verkaufen müssen.
Ist Kapitalverzehr in der Pensionierung normal?
Ja. Kapitalverzehr kann ein bewusst geplanter Bestandteil der Altersvorsorge sein. Entscheidend ist, dass Anleger:innen ihre Entnahmen auf das vorhandene Vermögen, die erwarteten Ausgaben, planbare Einkommen und den Anlagehorizont abstimmen. Ziel muss nicht zwingend sein, das gesamte Vermögen dauerhaft zu erhalten.
Wie kann ich die Angst vor Kapitalverzehr reduzieren?
Ein klarer Überblick über Ausgaben, planbare Einkommen und Vermögen ist ein wichtiger erster Schritt. Ein Liquiditätspolster, eine passende Anlagestrategie, flexible Entnahmeregeln und ein langfristiger Entnahmeplan können dazu beitragen, finanzielle Unsicherheit besser einzuordnen.
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