Warum die Angst vor Aktien teuer sein kann

Aktien haben ein Imageproblem. Wenn der Aktienmarkt an einem Tag 3 Prozent verliert, ist das eine Nachricht. Wenn Geld über Jahre langsam an Kaufkraft verliert, eher weniger.

Dabei können beide Entwicklungen Vermögen kosten.

Der Unterschied: Kursschwankungen sieht man sofort auf dem Kontoauszug. Kaufkraftverlust kommt auf leisen Sohlen.

Das erklärt mit, warum viele Anlegerinnen und Anleger Aktien als riskant empfinden und Bargeld oder Bankguthaben als sicher.

Kurzfristig kann das durchaus stimmen.

Langfristig ist die Rechnung komplizierter.

Denn auch nichts zu riskieren ist eine Anlageentscheidung. Und sie ist nicht risikolos.

Kurz zusammengefasst

  • Aktien schwanken und können erheblich an Wert verlieren.

  • Dafür bieten sie langfristig ein höheres Renditepotenzial als risikoärmere Anlagen – die sogenannte Risikoprämie.

  • Bargeld und Bankguthaben schwanken nominal kaum, können aber durch Inflation real an Kaufkraft verlieren.

  • Die Angst vor Verlusten kann dazu führen, dass Anlegerinnen und Anleger weniger Risiko eingehen, als ihre finanzielle Situation und ihr Anlagehorizont erlauben würden.

  • Ein hoher Aktienanteil ist nicht für alle Anlegerinnen und Anleger geeignet.

  • Entscheidend sind Risikofähigkeit, Risikobereitschaft, Anlagehorizont und eine ausreichende Liquiditätsreserve.

  • Breite Diversifikation reduziert einzelne Risiken, beseitigt das allgemeine Marktrisiko aber nicht.

  • Langfristig kann nicht nur ein Börsencrash teuer sein. Auch dauerhaftes Nichtinvestieren kann Vermögen kosten.

Warum fühlen sich Aktien so riskant an?

Weil sie schwanken. Und zwar sichtbar.

Wer 100'000 Franken investiert und einige Wochen später 90'000 Franken im Depot sieht, muss keine Finanztheorie studiert haben, um den Verlust zu verstehen.

Bei Bargeld ist das anders.

100'000 Franken auf einem Konto sehen auch ein Jahr später noch nach 100'000 Franken aus – sofern Gebühren und Zinsen ausgeblendet werden.

Nominal hat sich wenig verändert. Real möglicherweise schon.

Denn entscheidend ist nicht nur, wie viele Franken auf dem Konto stehen, sondern was man dafür kaufen kann.

Steigen die Preise langfristig stärker als die Verzinsung des Guthabens, sinkt dessen Kaufkraft.

Bargeld kann also stabil aussehen und trotzdem real an Wert verlieren.

Risiko hat mehr als ein Gesicht

Beim Wort «Risiko» denken viele zuerst an fallende Kurse.

In der Geldanlage gibt es aber unterschiedliche Risiken.

Aktien tragen Marktrisiko. Ihr Wert kann stark schwanken und über längere Perioden unter dem Einstandspreis liegen.

Bargeld trägt unter anderem Inflationsrisiko: Seine Kaufkraft kann mit der Zeit sinken.

Hinzu kommt das vielleicht wichtigste Risiko beim langfristigen Vermögensaufbau:

das eigene finanzielle Ziel nicht zu erreichen.

Wer für die Pensionierung, ein langfristiges Sparziel oder den Vermögensaufbau investiert, sollte deshalb nicht nur fragen:

«Wie stark kann mein Portfolio fallen?»

Sondern auch:

«Welche Rendite brauche ich langfristig, um mein Ziel zu erreichen?»

Warum gibt es überhaupt eine Aktienprämie?

Wenn Aktien genauso sicher wären wie Bargeld, gäbe es wenig Grund, für Aktien langfristig eine höhere erwartete Rendite zu verlangen.

Genau hier kommt die Risikoprämie ins Spiel.

Anlegerinnen und Anleger übernehmen mit Aktien Unsicherheit und Kursschwankungen. Als Entschädigung dafür erwarten sie langfristig eine höhere Rendite als bei risikoärmeren Anlagen.

Das Wort erwarten ist entscheidend.

Eine Risikoprämie ist kein Versprechen.

Aktien können über Jahre enttäuschen. Einzelne Unternehmen können sogar vollständig an Wert verlieren. Und auch breit diversifizierte Aktienmärkte erleben schwere Rückschläge.

Ohne dieses Risiko wäre die langfristige Renditechance allerdings schwer zu erklären.

Rendite gibt es nicht trotz Risiko. Ein Teil der erwarteten Rendite ist gerade die Entschädigung dafür.

Unser Gehirn mag Verluste überhaupt nicht

Die Zurückhaltung gegenüber Aktien ist nicht nur eine mathematische Frage.

Sie ist auch Psychologie.

Die Behavioral Finance untersucht, wie systematische Denk- und Verhaltensmuster unsere Finanzentscheidungen beeinflussen.

Eines der bekanntesten Konzepte ist die Loss Aversion, also Verlustaversion. Verluste werden psychologisch häufig stärker gewichtet als vergleichbare Gewinne. Das Konzept geht insbesondere auf die Arbeiten von Daniel Kahneman und Amos Tversky zurück.

Das kann vernünftig sein.

Wer einen finanziellen Verlust nicht verkraften kann, sollte dieses Risiko nicht eingehen.

Problematisch wird es, wenn die emotionale Angst vor einem möglichen Verlust stärker wiegt als die objektive Risikofähigkeit.

Dann kann vermeintliche Vorsicht langfristig selbst zum Risiko werden.

Mehr über typische psychologische Anlagefehler lesen Sie in unserem Artikel In Aktien investieren für Anfänger: Vermeiden Sie diese 5 Denkfehler.

Je länger der Anlagehorizont, desto wichtiger wird die Rendite

Ein Betrag, den Sie nächsten Monat für eine Steuerrechnung benötigen, gehört nicht vollständig in Aktien.

Geld, das Sie möglicherweise erst in 20 oder 30 Jahren benötigen, hat einen völlig anderen Anlagehorizont.

Das ist entscheidend.

Je länger Kapital investiert bleibt, desto mehr Zeit hat ein Portfolio, zwischenzeitliche Marktrückgänge zu verkraften. Gleichzeitig kann sich langfristiges Wachstum über den Zinseszinseffekt immer stärker auswirken.

Deshalb kann ein höherer Aktienanteil bei einem langen Anlagehorizont sinnvoll sein – sofern er zur persönlichen Risikofähigkeit und Risikobereitschaft passt.

Das ist ein wichtiger Zusatz.

Denn «Aktien bringen langfristig mehr» ist keine Aufforderung, jedes verfügbare Vermögen in Aktien zu investieren.

Anlegen ist kein Muttest.

Wie viel Aktien sind richtig?

Darauf gibt es keine universelle Prozentzahl.

Eine Person mit stabilem Einkommen, langem Anlagehorizont, ausreichender Liquiditätsreserve und hoher Risikobereitschaft kann grössere Schwankungen möglicherweise gut verkraften.

Wer dagegen bald auf das investierte Kapital angewiesen ist oder bei einem Rückgang von 20 Prozent nachts nicht mehr schläft, braucht eine andere Lösung.

Die passende Aktienquote hängt deshalb unter anderem ab von:

  • Anlagehorizont

  • finanzieller Situation

  • Liquiditätsbedarf

  • Risikofähigkeit

  • Risikobereitschaft

  • Anlageziel

Ein Aktienanteil von 100 Prozent kann für bestimmte langfristige Anlegerinnen und Anleger passen. Für andere wäre er völlig ungeeignet.

Mehr dazu erklären wir in 3 Gründe für eine Anlage mit 100% Aktienquote bei Descartes.

Diversifikation macht Aktien nicht risikolos

Wer Aktienrisiken reduzieren möchte, sollte nicht einfach irgendeine Aktie kaufen.

Ein Portfolio, das nur aus drei Schweizer Unternehmen besteht, hat ein anderes Risikoprofil als ein Portfolio mit Hunderten oder Tausenden Unternehmen aus verschiedenen Ländern und Branchen.

Breite Diversifikation kann unternehmens-, branchen- und teilweise regionenspezifische Risiken reduzieren.

Das allgemeine Marktrisiko bleibt jedoch bestehen.

Wenn die globalen Aktienmärkte stark fallen, kann auch ein gut diversifiziertes Aktienportfolio deutlich an Wert verlieren.

Diversifikation bedeutet deshalb nicht:

keine Verluste.

Sie bedeutet:

nicht unnötig alles von wenigen einzelnen Risiken abhängig machen.

Regelmässig investieren statt auf den perfekten Moment warten

Ein weiterer Grund für die Angst vor Aktien lautet:

«Was, wenn ich genau vor dem nächsten Crash investiere?»

Kann passieren.

Was allerdings niemand zuverlässig weiss, ist, wann dieser Crash kommt.

Wer deshalb jahrelang auf den perfekten Einstiegszeitpunkt wartet, geht ein anderes Risiko ein: gar nicht investiert zu sein, wenn die Märkte steigen.

Eine Möglichkeit, die psychologische Hürde zu reduzieren, ist regelmässiges Investieren.

Bei einem Sparplan wird beispielsweise jeden Monat ein fixer Betrag angelegt. Bei tiefen Kursen kauft dieser Betrag mehr Fondsanteile, bei hohen Kursen weniger.

Das garantiert keine Gewinne.

Aber es nimmt einer Frage viel Gewicht:

«Ist heute wirklich der perfekte Tag?»

Spoiler: Das weiss heute niemand.

Sicherheit ist nicht dasselbe wie keine Kursschwankung

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis.

Eine Anlage kann kaum schwanken und trotzdem ungeeignet für ein langfristiges Ziel sein.

Eine andere kann stark schwanken und trotzdem sinnvoll sein, wenn genügend Zeit vorhanden ist und das Risiko getragen werden kann.

«Sicher» und «riskant» sind deshalb ohne Anlageziel wenig hilfreiche Begriffe.

Die bessere Frage lautet:

Welches Risiko kann und muss ich eingehen, um mein Ziel mit vertretbarer Wahrscheinlichkeit zu erreichen?

Das ist weniger eingängig als «Aktien sind gefährlich».

Aber finanziell deutlich nützlicher.

Fazit: Angst ist ein schlechter Portfoliomanager

Aktien sind nicht harmlos.

Sie schwanken. Sie können stark fallen. Und niemand kann garantieren, dass sich ein Markt nach einem Rückgang innerhalb einer bestimmten Frist erholt.

Wer diese Risiken ignoriert, investiert schlecht.

Wer deshalb langfristig vollständig auf Renditechancen verzichtet, möglicherweise ebenfalls.

Denn Vermögensaufbau bedeutet nicht, jedes Risiko zu vermeiden.

Es bedeutet, die richtigen Risiken bewusst einzugehen und die unnötigen möglichst zu reduzieren.

Für langfristige Anlegerinnen und Anleger kann die grössere Gefahr deshalb manchmal nicht darin liegen, Aktien zu besitzen.

Sondern darin, aus Angst überhaupt nicht zu investieren.

Häufige Fragen zur Angst vor Aktien

Sind Aktien zu riskant für Privatanlegerinnen und Privatanleger?

Nicht grundsätzlich. Ob Aktien geeignet sind, hängt unter anderem von Anlagehorizont, finanzieller Situation, Risikofähigkeit und Risikobereitschaft ab. Aktien können erheblich schwanken und sind deshalb nicht für jedes Anlageziel gleich gut geeignet.

Warum bieten Aktien langfristig höhere Renditechancen?

Anlegerinnen und Anleger tragen mit Aktien höhere Unsicherheit und Marktrisiken. Dafür erwarten sie eine Risikoprämie gegenüber risikoärmeren Anlagen. Diese höhere erwartete Rendite ist jedoch nicht garantiert.

Ist Geld auf dem Sparkonto risikolos?

Nein. Bankguthaben schwanken nominal kaum, können aber durch Inflation real an Kaufkraft verlieren. Zudem sollten Liquidität, Einlagensicherung und die individuelle finanzielle Situation berücksichtigt werden.

Wie viel Geld sollte ich in Aktien investieren?

Es gibt keine allgemein richtige Aktienquote. Sie sollte zu Ihrem Anlagehorizont, Ihrer Risikofähigkeit, Ihrer Risikobereitschaft, Ihrem Liquiditätsbedarf und Ihren finanziellen Zielen passen.

Sind 100% Aktien sinnvoll?

Für bestimmte Anlegerinnen und Anleger mit langem Anlagehorizont und entsprechender Risikofähigkeit und Risikobereitschaft kann eine sehr hohe Aktienquote sinnvoll sein. Für andere ist sie ungeeignet. Entscheidend ist die individuelle Situation.

Hilft regelmässiges Investieren gegen das Timing-Risiko?

Regelmässiges Investieren kann die Abhängigkeit von einem einzelnen Einstiegszeitpunkt reduzieren und das Investieren disziplinieren. Es schützt jedoch nicht vor Kursverlusten und garantiert keine positive Rendite.

Disclaimer: Dieser Blog dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt weder eine Anlage-, Rechts- noch Steuerberatung dar. Welche Anlagestrategie und Aktienquote geeignet sind, hängt von der individuellen finanziellen Situation, dem Anlagehorizont sowie der Risikofähigkeit und Risikobereitschaft ab. Historische Renditen und Risikoprämien erlauben keine zuverlässige Prognose zukünftiger Ergebnisse. Wertschriftenanlagen sind mit Risiken verbunden und können an Wert verlieren.