Der Dunning-Kruger-Effekt beim Investieren: Wenn Unwissen teuer wird
Das Gefährliche an Halbwissen ist nicht die Hälfte, die fehlt. Es ist die Hälfte, die sich für das Ganze hält.
An der Börse lässt sich das besonders gut beobachten. Wer einige erfolgreiche Anlageentscheide getroffen hat, kann schnell den Eindruck gewinnen, Aktien besonders gut auswählen, Trends früh erkennen oder den richtigen Zeitpunkt für Käufe und Verkäufe bestimmen zu können.
Vielleicht stimmt das.
Vielleicht war der Markt aber einfach freundlich.
Genau diese Unterscheidung ist schwieriger, als sie klingt. Und sie führt zu einem bekannten Phänomen aus der Psychologie, dem Dunning-Kruger-Effekt.
Kurz zusammengefasst
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Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt, warum Menschen mit begrenztem Wissen ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen können.
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Beim Investieren können einige erfolgreiche Trades schnell mit Können verwechselt werden, obwohl Marktbewegungen, Risiko und Glück ebenfalls eine Rolle spielen.
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Selbstüberschätzung kann zu Market Timing, Klumpenrisiken, häufigem Handeln und unnötig komplexen Portfolios führen.
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Eine klare Anlagestrategie, breite Diversifikation und das kritische Hinterfragen eigener Annahmen können helfen.
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Gutes Investieren bedeutet nicht, immer richtigzuliegen. Es bedeutet, eine Strategie zu haben, die auch funktioniert, wenn man falschliegt.
Was ist der Dunning-Kruger-Effekt?
Der Dunning-Kruger-Effekt geht auf die Psychologen David Dunning und Justin Kruger zurück. Vereinfacht beschreibt er die Beobachtung, dass Menschen mit geringen Kenntnissen oder Fähigkeiten ihre eigene Leistung unter bestimmten Bedingungen überschätzen können.
Der Grund ist durchaus elegant.
Um eine Aufgabe gut zu lösen, braucht man Wissen. Um beurteilen zu können, wie gut man die Aufgabe gelöst hat, braucht man teilweise dasselbe Wissen.
Fehlt diese Kompetenz, fehlt unter Umständen auch ein Teil der Fähigkeit, die eigenen Fehler zu erkennen.
Beim Investieren ist das besonders relevant.
Finanzmärkte liefern laufend Feedback. Leider ist es ziemlich verrauscht.
Eine Aktie steigt nach dem Kauf. War die Analyse brillant?
Oder ist der gesamte Markt gestiegen?
Ein Technologie-ETF schlägt während einiger Jahre den breiten Markt. War die Strategie überlegen?
Oder hatte genau dieser Sektor gerade Rückenwind?
Ein Bitcoin-Kauf verdoppelt sich. Genie?
Oder gutes Timing mit einer ordentlichen Portion Glück?
An der Börse können richtige Entscheide verlieren und schlechte Entscheide gewinnen.
Zumindest eine Zeit lang.
Dunning-Kruger und Overconfidence sind nicht dasselbe
Die Begriffe werden häufig vermischt.
Der Overconfidence Bias bezeichnet allgemein die Tendenz, die eigenen Fähigkeiten, Kenntnisse oder Prognosen zu überschätzen.
Der Dunning-Kruger-Effekt ist spezifischer. Er beschreibt den möglichen Zusammenhang zwischen geringer Kompetenz und einer fehlerhaften Einschätzung der eigenen Kompetenz.
Oder etwas weniger akademisch:
Overconfidence bedeutet, zu überzeugt von sich zu sein. Dunning-Kruger erklärt, warum fehlendes Wissen diese Überzeugung manchmal besonders robust macht.
Beides kann bei Anlageentscheiden eine Rolle spielen.
Wie zeigt sich der Dunning-Kruger-Effekt beim Investieren?
Selbstüberschätzung trägt an der Börse selten ein Namensschild.
Sie zeigt sich eher in kleinen Sätzen.
«Diese Aktie kann eigentlich nur steigen.»
«Jetzt ist offensichtlich nicht der richtige Zeitpunkt für Aktien.»
«Den nächsten Crash sieht man doch kommen.»
«ETFs sind einfach. Ich brauche keine Strategie.»
«Diversifikation brauche ich nicht. Ich kenne meine Unternehmen.»
Vielleicht stimmt eine dieser Aussagen sogar.
Das Problem beginnt beim Wort offensichtlich.
Ein paar Gewinne werden mit Können verwechselt
Steigende Märkte sind grosszügige Lehrer.
Sie geben vielen gleichzeitig gute Noten.
Wer in einer starken Marktphase mit einigen Einzeltiteln hohe Gewinne erzielt, kann daraus schliessen, besonders gut bei der Aktienauswahl zu sein.
Möglich.
Um Können von Marktbewegung und Zufall zu unterscheiden, braucht es jedoch mehr als einige erfolgreiche Trades.
Das gilt auch in die andere Richtung. Eine gute Anlagestrategie kann zeitweise schlechter abschneiden als der Markt, ohne deshalb schlecht zu sein.
Kurzfristige Performance ist Feedback.
Aber nicht immer eine Antwort.
Aus einer Meinung wird eine Prognose
«Die Märkte sind teuer» kann eine vernünftige Beobachtung sein.
«Deshalb fallen sie nächsten Monat» ist bereits eine Prognose.
Dieser kleine Schritt wird beim Investieren erstaunlich häufig übersprungen.
Wer von der eigenen Marktmeinung sehr überzeugt ist, beginnt möglicherweise, Ein- und Ausstiegszeitpunkte zu suchen. Das Problem dabei ist nicht, eine Meinung zu haben. Das Problem ist die Annahme, aus dieser Meinung zuverlässig kurzfristige Kursbewegungen ableiten zu können.
Eine langfristige Anlagestrategie sollte deshalb nicht jeden Dienstag eine neue Meinung zur Börse benötigen.
Konzentration fühlt sich wie Überzeugung an
Wer von drei Unternehmen besonders überzeugt ist, kann versucht sein, einen grossen Teil des Vermögens genau dort zu investieren.
Das kann hervorragend funktionieren.
Bis es das nicht mehr tut.
Ein Klumpenrisiko entsteht, wenn ein grosser Teil des Portfolios von einzelnen Unternehmen, Branchen, Ländern oder anderen Risikofaktoren abhängt.
Mehr Überzeugung reduziert dieses Risiko nicht.
Diversifikation schon.
Komplexität wird mit Kompetenz verwechselt
Zwölf ETFs, vier Faktorstrategien, etwas Gold, Kryptowährungen, Optionen und ein taktischer Cash-Anteil.
Sieht beeindruckend aus.
Muss es aber nicht sein.
Ein komplexes Portfolio kann sinnvoll sein. Es kann aber auch ein sehr aufwendiger Weg sein, um etwas zu bauen, das ein einfacheres Portfolio ebenfalls erreicht hätte.
Finanzwissen zeigt sich nicht daran, wie viele Produkte im Depot liegen.
Manchmal zeigt es sich daran, welche man bewusst weglässt.
Warum ist Selbstüberschätzung beim Investieren besonders tückisch?
Weil Finanzmärkte Kompetenz und Glück kurzfristig nur schlecht auseinanderhalten.
Wer beim Tennis schlecht spielt, merkt das meistens nach wenigen Minuten.
Die Börse kann Ihnen dagegen jahrelang bestätigen, dass Sie ein Genie sind.
Und dann ihre Meinung ändern.
Das macht Lernen schwierig.
Besonders problematisch wird Selbstüberschätzung, wenn sie dazu führt, Risiken zu unterschätzen, häufig zu handeln, stark konzentrierte Positionen aufzubauen oder die Strategie aufgrund kurzfristiger Marktbewegungen laufend zu verändern.
Nicht jeder dieser Entscheide ist automatisch falsch.
Problematisch wird er, wenn die zugrunde liegende Sicherheit grösser ist als das Wissen, auf dem sie basiert.
Mehr Wissen schützt nicht automatisch vor Overconfidence
Jetzt kommt die unangenehme Nachricht für alle, die bis hierhin gelesen haben.
Mehr Finanzwissen macht uns nicht automatisch immun gegen Selbstüberschätzung.
Auch erfahrene Anlegerinnen und Anleger können ihre Prognosefähigkeit überschätzen, an einmal gefassten Meinungen festhalten oder Erfolg zu stark dem eigenen Können zuschreiben.
Finanzwissen hilft.
Intellektuelle Demut ebenfalls.
Die wahrscheinlich nützlichste Frage beim Investieren lautet deshalb manchmal nicht:
Warum habe ich recht?
Sondern:
Was müsste passieren, damit ich erkenne, dass ich falsch liege?
Das ist weniger befriedigend.
Aber meistens informativer.
Wie lässt sich der Dunning-Kruger-Effekt beim Investieren reduzieren?
Vollständig ausschalten lässt sich unser Gehirn zum Glück nicht. Es wird noch gebraucht.
Aber man kann den Anlageprozess so gestalten, dass einzelne Einschätzungen weniger Macht bekommen.
Eine schriftlich definierte Strategie hilft beispielsweise, Anlageentscheide von der Tagesstimmung zu trennen. Darin können Aktienquote, Anlagehorizont, Rebalancing und die grundsätzliche Portfolioaufteilung festgelegt werden.
Breite Diversifikation reduziert zudem die Abhängigkeit davon, mit einer einzelnen Prognose richtigzuliegen.
Ebenso hilfreich ist es, Entscheide zu dokumentieren. Warum wurde eine Anlage gekauft? Welche Annahmen lagen zugrunde? Was würde die ursprüngliche These widerlegen?
Im Rückblick lässt sich dann besser unterscheiden, ob ein Ergebnis tatsächlich aus einer guten Entscheidung entstanden ist oder ob der Markt geholfen hat.
Und schliesslich lohnt es sich, die eigenen Grenzen zu kennen.
Das bedeutet nicht automatisch, die Vermögensverwaltung zu delegieren. Wer über das notwendige Wissen, die Zeit und die Disziplin verfügt, kann sein Geld durchaus selbst anlegen.
Unser Blog «Geld selbst anlegen oder doch besser Robo Advisor oder Vermögensverwalter?» zeigt, welche Fragen bei dieser Entscheidung relevant sind.
Die richtige Frage ist nicht, ob DIY oder Delegation grundsätzlich besser ist.
Sondern ob man realistisch weiss, was man selbst übernehmen kann und möchte.
Eine gute Strategie braucht keine hellseherischen Fähigkeiten
Beim langfristigen Investieren muss man nicht wissen, welche Aktie nächsten Monat steigt.
Man muss auch nicht den nächsten Crash korrekt ankündigen.
Wichtiger sind Entscheidungen, die tatsächlich kontrollierbar sind.
Wie lange kann das Geld investiert bleiben? Wie viel Risiko kann finanziell getragen werden? Wie viel Risiko fühlt sich noch erträglich an? Wie breit soll das Portfolio diversifiziert sein? Und welche Strategie lässt sich auch dann durchhalten, wenn die Börse gerade weniger freundlich aussieht?
Wer eine sehr hohe Aktienquote erwägt, sollte insbesondere zwischen Renditechance und Risikotragfähigkeit unterscheiden. Mehr dazu finden Sie in unserem Blog «100 Prozent Aktien: Wann ist eine hohe Aktienquote sinnvoll?».
Eine gute Strategie versucht nicht, Unsicherheit verschwinden zu lassen.
Sie baut ein Portfolio, das mit Unsicherheit leben kann.
Was professionelle Vermögensverwaltung leisten kann und was nicht
Auch professionelle Vermögensverwaltung besitzt keine Glaskugel.
Sollte jemand eine anbieten, lohnt sich vermutlich zuerst ein Blick ins Kleingedruckte.
Der Mehrwert professionellen Asset Managements sollte deshalb nicht darin bestehen, für jede Börsenwoche die richtige Prognose abzugeben.
Er kann vielmehr in einem strukturierten Anlageprozess liegen. Dazu gehören eine zur persönlichen Situation passende Asset Allocation, systematisches Risikomanagement, Diversifikation, Rebalancing und eine konsequente Umsetzung.
Bei Descartes Invest stehen unterschiedliche Anlagemodelle und Aktienquoten zur Verfügung. Entscheidend ist nicht die vermeintlich cleverste kurzfristige Prognose, sondern eine Strategie, die zum Risikoprofil und zum Anlagehorizont passt.
Langweilig?
Manchmal.
Beim langfristigen Vermögensaufbau kann langweilig ein Kompliment sein.
Fazit
Der Dunning-Kruger-Effekt ist kein Argument gegen selbstständiges Investieren.
Und schon gar kein Beweis dafür, dass professionelle Anlegerinnen und Anleger immer richtigliegen.
Er ist vielmehr eine Erinnerung daran, wie schwierig es ist, die eigene Kompetenz objektiv einzuschätzen.
An den Finanzmärkten kommt eine zusätzliche Schwierigkeit hinzu. Erfolg kann Können sein. Er kann aber auch durch Marktbewegungen, Risikobereitschaft oder Glück entstehen.
Deshalb braucht gutes Investieren nicht nur Wissen.
Es braucht einen Prozess, der auch dann funktioniert, wenn die eigene Meinung einmal falsch ist.
Denn an der Börse ist es völlig in Ordnung, nicht alles zu wissen.
Teuer wird es erst, wenn man es nicht weiss und trotzdem davon überzeugt ist.
Häufige Fragen
Was ist der Dunning-Kruger-Effekt einfach erklärt?
Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt vereinfacht die Möglichkeit, dass Menschen mit geringen Kenntnissen ihre Fähigkeiten überschätzen, weil ihnen teilweise gerade das Wissen fehlt, das nötig wäre, um die eigene Leistung realistisch einzuschätzen.
Was hat der Dunning-Kruger-Effekt mit Investieren zu tun?
Beim Investieren kann eine Überschätzung der eigenen Kenntnisse beispielsweise dazu beitragen, dass Risiken unterschätzt, einzelne Anlagen zu stark gewichtet oder kurzfristige Marktbewegungen für zuverlässig prognostizierbar gehalten werden.
Was ist der Unterschied zwischen Dunning-Kruger und Overconfidence?
Overconfidence bezeichnet allgemein eine übermässige Sicherheit in die eigenen Fähigkeiten oder Einschätzungen. Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt spezifischer den Zusammenhang zwischen geringer Kompetenz und einer möglichen Überschätzung der eigenen Fähigkeiten.
Sind vor allem Anfängerinnen und Anfänger betroffen?
Der Dunning-Kruger-Effekt wird häufig im Zusammenhang mit geringer Kompetenz diskutiert. Selbstüberschätzung ist jedoch nicht auf Anfängerinnen und Anfänger beschränkt. Auch erfahrene Anlegerinnen und Anleger können ihre Fähigkeiten oder Prognosen überschätzen.
Hilft mehr Finanzwissen gegen den Dunning-Kruger-Effekt?
Finanzwissen kann helfen, Risiken, Zusammenhänge und die Grenzen der eigenen Einschätzungen besser zu verstehen. Es garantiert jedoch nicht, dass kognitive Verzerrungen verschwinden. Ein strukturierter Anlageprozess und das kritische Hinterfragen eigener Annahmen bleiben wichtig.
Sollte man deshalb nicht selbst investieren?
Nein. Der Dunning-Kruger-Effekt ist kein Argument gegen selbstständiges Investieren. Entscheidend ist, den eigenen Wissensstand, den benötigten Zeitaufwand und die eigenen Grenzen realistisch einzuschätzen und eine nachvollziehbare Strategie zu verfolgen.
Disclaimer: Dieser Blog dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlage-, Steuer-, Rechts- oder Vorsorgeberatung dar. Anlagen in Wertschriften sind mit Risiken verbunden. Kurse können schwanken und Verluste sind möglich. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Welche Anlagestrategie geeignet ist, hängt unter anderem von Ihrer persönlichen finanziellen Situation, Ihren Anlagezielen, Ihrem Anlagehorizont sowie Ihrer Risikofähigkeit und Risikobereitschaft ab.