Investieren in Krisenzeiten: 5 Denkfehler, die Anlegerinnen und Anleger vermeiden sollten

Wenn die Börse fällt, passiert etwas Interessantes.

Plötzlich haben erstaunlich viele Menschen gewusst, dass es so kommen würde.

Andere wissen bereits, was als Nächstes passiert.

Und irgendwo erklärt gerade jemand, warum diesmal wirklich alles anders ist.

Krisen sind nicht nur ein Stresstest für Finanzmärkte. Sie sind auch ein Stresstest für Anlegerinnen und Anleger.

Denn starke Kursschwankungen aktivieren genau jene Verhaltensmuster, mit denen sich die Behavioral Finance beschäftigt. Verlustangst, Aktionismus, Rückschaufehler und das Bedürfnis nach Sicherheit können Entscheidungen beeinflussen, obwohl sich am langfristigen Anlageziel vielleicht gar nichts geändert hat.

Das bedeutet nicht, dass Anlegerinnen und Anleger in einer Krise grundsätzlich nichts tun sollten.

Es bedeutet, dass eine Handlung einen besseren Grund braucht als eine rote Zahl im Depot.

Hier sind fünf Denkfehler, die in turbulenten Marktphasen besonders teuer werden können.

Kurz zusammengefasst

  • Krisen erhöhen nicht nur die Volatilität an den Märkten. Sie erhöhen auch den emotionalen Druck auf Anlegerinnen und Anleger.

  • Im Rückblick wirken Börsenbewegungen oft vorhersehbarer, als sie tatsächlich waren.

  • Häufiges Umschichten kann zusätzliche Kosten und Timing-Risiken verursachen.

  • Cash kann kurzfristig Sicherheit und Liquidität bieten. Langfristig besteht jedoch ein Kaufkraftrisiko durch Inflation.

  • Wer auf «ruhigere Zeiten» wartet, betreibt faktisch Market Timing. Der richtige Wiedereinstieg ist dabei ebenso schwierig wie der Ausstieg.

  • Kursverluste allein sind kein Grund, wahllos nachzukaufen. Entscheidend bleibt, ob eine Investition zur eigenen Strategie und Risikofähigkeit passt.

  • Eine langfristige Strategie verhindert keine Verluste. Sie kann aber verhindern, dass jede Schlagzeile eine neue Anlagestrategie auslöst.

Denkfehler 1: «Das war doch absehbar»

Nach einer Börsenkorrektur wirken die Ursachen plötzlich offensichtlich.

Die Zinsen waren zu hoch.

Die Bewertungen waren zu ambitioniert.

Die Konjunkturdaten wurden schwächer.

Die geopolitischen Risiken lagen doch auf dem Tisch.

Stimmt vielleicht alles.

Nur folgt daraus nicht, dass Zeitpunkt, Ausmass und Dauer des Kursrückgangs im Voraus zuverlässig vorhersehbar waren.

Genau hier wirkt der Hindsight Bias, der Rückschaufehler. Sobald wir den Ausgang kennen, erscheint die Vergangenheit logischer und vorhersehbarer, als sie in Echtzeit war.

Das kann beim Investieren gefährlich werden.

Denn wer glaubt, die letzte Krise «kommen gesehen» zu haben, traut sich möglicherweise auch bei der nächsten zu, rechtzeitig auszusteigen.

Dann beginnt Market Timing.

Und dafür braucht es nicht nur eine richtige Entscheidung.

Sondern zwei.

Wann steige ich aus?

Und wann wieder ein?

Im Rückspiegel sieht die Börse erstaunlich übersichtlich aus.

Durch die Frontscheibe deutlich weniger.

Denkfehler 2: «Jetzt muss ich etwas tun»

Ein Depot, das innerhalb weniger Tage deutlich verliert, fühlt sich nicht nach einer Situation an, in der man ruhig sitzen bleiben sollte.

Also wird verkauft, umgeschichtet, abgesichert oder neu positioniert.

Hauptsache, etwas passiert.

Aktivität fühlt sich nach Kontrolle an.

An der Börse ist Aktivität aber nicht automatisch produktiv.

Häufiges Überhandeln kann Transaktionskosten verursachen und erhöht das Risiko, zu ungünstigen Zeitpunkten aus- und wieder einzusteigen.

Die bessere Frage lautet deshalb nicht:

«Was muss ich jetzt handeln?»

Sondern:

«Hat sich etwas verändert, das für meine langfristige Strategie relevant ist?»

Vielleicht hat sich die persönliche Situation verändert. Vielleicht wird das Geld früher benötigt als geplant. Vielleicht war das Portfolio von Anfang an zu riskant.

Dann kann eine Anpassung sinnvoll sein.

Wenn sich aber nur die Schlagzeilen und Kurse verändert haben, ist Aktionismus nicht automatisch Risikomanagement.

Manchmal ist Nichtstun ebenfalls eine Entscheidung.

Und gar keine schlechte.

Denkfehler 3: «Cash ist jetzt sicherer»

Wenn Aktienkurse fallen, wirkt Bargeld plötzlich ausgesprochen attraktiv.

Keine roten Zahlen.

Keine täglichen Schwankungen.

Keine schlechten Börsennachrichten.

Cash erfüllt tatsächlich wichtige Funktionen. Eine Liquiditätsreserve für unerwartete Ausgaben gehört nicht an die Börse. Auch Geld, das in naher Zukunft benötigt wird, sollte nicht unnötig hohen Marktrisiken ausgesetzt sein.

Das Problem beginnt, wenn aus einer Liquiditätsreserve plötzlich eine langfristige Anlagestrategie wird.

Bargeld schwankt nominal kaum.

Seine Kaufkraft schon.

Liegt die Inflation über der Verzinsung, verliert das Geld real an Wert.

Dazu kommt ein zweites Problem. Wer während einer Krise verkauft und auf bessere Zeiten wartet, muss irgendwann entscheiden, wann diese besseren Zeiten begonnen haben.

Damit sind wir wieder beim Market Timing.

Cash kann Sicherheit schaffen.

Aber Sicherheit hat verschiedene Bedeutungen.

Wer nur auf Kursschwankungen schaut, übersieht leicht Kaufkraft-, Inflations- und Wiedereinstiegsrisiken.

Denkfehler 4: «Ich investiere wieder, wenn sich die Lage beruhigt hat»

Dieser Satz klingt vernünftig.

Leider gibt es an der Börse keinen Gong, der das Ende einer Krise verkündet.

Finanzmärkte reagieren auf Erwartungen. Kurse können deshalb bereits steigen, während Wirtschaftsdaten noch schlecht aussehen, Unternehmen vorsichtig bleiben und die Schlagzeilen weiterhin unangenehm sind.

Wer auf sichtbare Sicherheit wartet, wartet möglicherweise darauf, dass ein Teil der Erholung bereits stattgefunden hat.

Das ist einer der Gründe, warum Market Timing so schwierig ist.

Hinzu kommt die Psychologie.

Nach einem Kursrückgang fühlen sich Aktien riskanter an, obwohl sie günstiger geworden sind. Nach einer starken Erholung fühlen sie sich wieder sicherer an, obwohl die Kurse bereits deutlich höher liegen können.

Das menschliche Sicherheitsgefühl und attraktive Einstiegspreise haben also nicht zwingend denselben Kalender.

Regelmässiges Investieren kann dieses Problem reduzieren. Wer beispielsweise über einen Sparplan investiert, kauft unabhängig davon, ob die aktuelle Börsenstimmung euphorisch oder miserabel ist.

Das garantiert keine Gewinne.

Aber es reduziert die Anzahl Entscheidungen, bei denen Emotionen dazwischenfunken können.

Denkfehler 5: «Die Kurse sind gefallen. Jetzt muss ich kaufen»

Nicht nur Angst kann zu Aktionismus führen.

Mut auch.

Nach starken Kursverlusten klingt «Buy the Dip» schnell nach einer einfachen Strategie.

Grundsätzlich kann es sinnvoll sein, nach Kursrückgängen weiter zu investieren oder ein Portfolio auf seine strategischen Zielgewichte zurückzuführen.

Aber eine gefallene Aktie ist nicht automatisch eine günstige Aktie.

Ein Kurs kann 30 Prozent fallen.

Und danach nochmals 30 Prozent.

Wer nur kauft, weil etwas billiger geworden ist, trifft keine vollständige Anlageentscheidung.

Entscheidend ist, ob die Investition weiterhin zur Strategie passt.

Wie gross wird die Position im Portfolio?

Entsteht ein Klumpenrisiko?

Passt die zusätzliche Aktienquote zur Risikofähigkeit?

Ist genügend Liquidität vorhanden?

Und würde man dieselbe Anlage heute auch kaufen, wenn man sie noch nicht im Depot hätte?

Gerade die letzte Frage ist nützlich.

Denn Anlegerinnen und Anleger neigen dazu, bestehende Positionen anders zu beurteilen als neue. Konzepte wie Loss Aversion, Disposition Effect und Sunk Cost Fallacy zeigen, wie stark vergangene Gewinne, Verluste und Kaufpreise unsere Entscheidungen beeinflussen können.

Ein tieferer Kurs ist eine Information.

Noch keine Kaufempfehlung.

Was hilft beim Investieren in Krisenzeiten?

Eine Krise ist ein schlechter Zeitpunkt, um zum ersten Mal darüber nachzudenken, wie viel Risiko man eigentlich verträgt.

Das sollte vorher passieren.

Eine robuste Anlagestrategie definiert, welche Risiken zum Anlageziel, zum Anlagehorizont und zur persönlichen Risikofähigkeit passen.

Dazu gehört auch Diversifikation.

Ein breit diversifiziertes Portfolio verhindert keine Verluste. In einer schweren Marktkrise können viele Anlageklassen gleichzeitig fallen.

Diversifikation hat eine andere Aufgabe.

Sie soll verhindern, dass der langfristige Anlageerfolg unnötig von einem einzelnen Unternehmen, einer Branche, einer Region oder einem anderen spezifischen Risiko abhängt.

Ebenso wichtig ist die Asset Allocation. Wer nur so viel Aktienrisiko hält, wie finanziell und emotional tragbar ist, reduziert die Wahrscheinlichkeit, mitten in einer Krise zu einer Strategieänderung gezwungen zu werden.

Denn die beste Anlagestrategie auf Papier bringt wenig, wenn sie beim ersten grösseren Börsenrückgang aufgegeben wird.

Mehr dazu lesen Sie in unserem Blog «Welche Anlagestrategie passt zu mir?».

Krise oder Strategieproblem?

Nicht jede Veränderung im Portfolio während einer Krise ist ein Fehler.

Manchmal zeigt ein Kursrückgang schlicht, dass die bisherige Strategie nicht zur tatsächlichen Risikofähigkeit oder Risikobereitschaft gepasst hat.

Wer bei einem Minus von 20 Prozent nachts nicht mehr schlafen kann, sollte daraus nicht zwingend schliessen, dass Aktien grundsätzlich falsch sind.

Vielleicht war einfach die Aktienquote zu hoch.

Umgekehrt sollte jemand mit langem Anlagehorizont und hoher Risikofähigkeit nicht automatisch das gesamte Portfolio defensiv ausrichten, nur weil die Börse gerade unangenehm aussieht.

Die entscheidende Frage lautet:

Hat sich mein langfristiges Ziel verändert oder nur meine kurzfristige Stimmung?

Das ist ein ziemlich guter Filter.

Nicht nur in Krisenzeiten.

Fazit: Eine Krise braucht nicht automatisch eine neue Strategie

Niemand weiss zuverlässig, wann die nächste Krise beginnt, wie tief die Märkte fallen oder wann die Erholung einsetzt.

Eine gute Anlagestrategie sollte deshalb nicht davon abhängig sein, diese drei Fragen richtig beantworten zu können.

Sie sollte zum Anlagehorizont passen, Risiken breit verteilen, genügend Liquidität berücksichtigen und auch dann noch tragbar sein, wenn die Börse unangenehm wird.

Denn Krisen gehören zu den Finanzmärkten.

Panik muss nicht dazugehören.

Oder anders gesagt:

Ein Portfolio darf nervös aussehen. Die Strategie sollte es nicht sein.

Wie Descartes Portfolios systematisch aufbaut und verwaltet, erfahren Sie bei Descartes Invest.

Häufige Fragen zum Investieren in Krisenzeiten

Sollte man in einer Börsenkrise Aktien verkaufen?

Ein allgemeines Ja oder Nein gibt es nicht. Entscheidend sind Anlageziel, Anlagehorizont, Liquiditätsbedarf, Portfolio und persönliche Risikofähigkeit. Ein Verkauf allein aufgrund kurzfristiger Kursverluste kann jedoch dazu führen, Verluste zu realisieren und eine spätere Erholung zu verpassen.

Sollte man bei fallenden Kursen nachkaufen?

Fallende Kurse allein sind kein ausreichender Kaufgrund. Zusätzliche Investitionen sollten zur langfristigen Strategie, zur gewünschten Asset Allocation und zur finanziellen Situation passen. Bei Einzelanlagen sollte zudem geprüft werden, ob dadurch ein Klumpenrisiko entsteht.

Ist Cash in einer Krise sicherer als Aktien?

Cash weist deutlich geringere nominale Kursschwankungen auf und ist für kurzfristige Ausgaben und Liquiditätsreserven wichtig. Langfristig bestehen jedoch Inflations- und Kaufkraftrisiken. Wer für einen späteren Wiedereinstieg verkauft, trägt zusätzlich ein Timing-Risiko.

Was bedeutet Market Timing?

Market Timing bezeichnet den Versuch, anhand von Prognosen gezielt günstige Zeitpunkte für Käufe und Verkäufe zu bestimmen. Die Schwierigkeit besteht darin, sowohl den Ausstieg als auch den späteren Wiedereinstieg richtig zu treffen.

Hilft Diversifikation in einer Krise?

Diversifikation kann unternehmens-, branchen- oder regionsspezifische Risiken reduzieren. Sie verhindert jedoch nicht, dass ein Portfolio während einer allgemeinen Marktkrise an Wert verliert. Das allgemeine Marktrisiko bleibt bestehen.

Wie kann man emotionale Anlageentscheidungen vermeiden?

Eine im Voraus definierte Anlagestrategie, eine passende Risikostruktur, regelmässiges Rebalancing und automatisierte Einzahlungen können die Zahl spontaner Entscheidungen reduzieren. Auch das Verständnis typischer Verhaltensmuster aus der Behavioral Finance kann helfen, emotionale Reaktionen besser einzuordnen.

Disclaimer: Dieser Blog dient ausschliesslich zu Informationszwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Anlagen sind mit Risiken verbunden. Der Wert von Anlagen kann sowohl steigen als auch fallen. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse.

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