Hedging: Die unterschätzten Kosten der Absicherung

«There ain’t no such thing as a free lunch» – jede Entscheidung hat ihren Preis. An den Finanzmärkten gilt das besonders beim Hedging. Die direkten Kosten einer Absicherung sind meist bekannt. Deutlich häufiger unterschätzt werden jedoch die indirekten Kosten: entgangene Rendite, laufende Prämien und die Gefahr, langfristig nicht vollständig an steigenden Märkten teilzunehmen.

Viele Anleger:innen betrachten Hedging vor allem als Schutz vor Verlusten. Doch Sicherheit ist an den Finanzmärkten nicht kostenlos. Kurzfristig kann eine Absicherung sinnvoll sein. Wer sein Portfolio jedoch dauerhaft hedgt, riskiert, dass die Kosten der Absicherung langfristig stärker ins Gewicht fallen als die Schwankungen, die eigentlich vermieden werden sollen.

Kurz zusammengefasst

  • Hedging hat seinen Preis: Neben direkten Kosten wie Prämien und Transaktionskosten kann die Absicherung auch zu entgangener Rendite führen.
  • Dauerhafte Absicherung kann die Performance belasten: Besonders in steigenden Märkten können laufende Hedging-Kosten langfristig ins Gewicht fallen.
  • Timing ist schwierig: Den richtigen Zeitpunkt für den Aufbau und die Auflösung einer Absicherung zuverlässig zu bestimmen, ist kaum möglich.
  • Diversifikation kann effizienter sein: Unterschiedliche Renditetreiber und geringe Korrelationen können Risiken reduzieren, ohne laufend für eine Absicherung zu bezahlen.
  • Hedging bleibt ein sinnvolles Werkzeug: Bei klar definierten, kurzfristigen Risiken oder konkreten Verpflichtungen kann eine gezielte Absicherung durchaus sinnvoll sein.

Was ist Hedging und wie funktioniert es?

Hedging funktioniert grundsätzlich ähnlich wie eine Versicherung: Anleger nehmen heute Kosten in Kauf, um sich gegen bestimmte zukünftige Risiken zu schützen.

Dafür können beispielsweise OptionenFutures oder andere Derivate eingesetzt werden. Die konkrete Funktionsweise und Kostenstruktur unterscheiden sich je nach Strategie. Das Grundprinzip bleibt jedoch gleich: Die Kosten der Absicherung fallen an, ihr Nutzen hängt jedoch davon ab, ob und wie stark das abgesicherte Risiko tatsächlich eintritt.

Bleibt das befürchtete Marktereignis aus, können die Kosten trotzdem die Rendite des Portfolios reduzieren.

Die unterschätzten Kosten von Hedging

Der Preis einer Absicherung besteht nicht nur aus unmittelbar sichtbaren Kosten wie Optionsprämien, Transaktionskosten oder Spreads. Hinzu kommen indirekte Kosten.

Hedging kann nämlich nicht nur Verluste begrenzen, sondern je nach Strategie auch die Teilnahme an positiven Marktbewegungen reduzieren.

Besonders in stabilen oder steigenden Märkten kann eine permanente Absicherung deshalb zum Performance-Bremser werden. Über längere Anlagezeiträume kann sich dieser Effekt erheblich summieren.

Ungesicherte Portfolios nehmen grundsätzlich stärker an Aufwärtsbewegungen der abgesicherten Anlageklasse teil. Bei abgesicherten Portfolios kann dagegen ein Teil dieser Rendite durch die Kosten oder Auszahlungsstruktur des Hedges verloren gehen.

Oder anders gesagt: Anleger:innen bezahlen für die Reduktion bestimmter Risiken mit Kosten und potenziell entgangener Rendite.

«Die grösste Illusion im Portfoliomanagement ist die Vorstellung, dass Sicherheit kostenlos ist. In Wahrheit ist sie oft der teuerste Faktor für die Rendite.»

Adriano Lucatelli, CEO

Warum das richtige Timing beim Hedging schwierig ist

Die Theorie klingt verlockend: Absichern, wenn die Risiken steigen. Den Hedge wieder auflösen, sobald sich die Lage beruhigt.

In der Praxis setzt diese Strategie jedoch voraus, dass Anleger:innen Veränderungen des Marktumfelds zuverlässig und rechtzeitig erkennen. Genau das ist schwierig. Insbesondere in Phasen hoher Volatilität kann Absicherung zudem teurer werden.

Wer erst nach starken Kursverlusten absichert, kauft den Schutz möglicherweise zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Wer dagegen dauerhaft hedgt, trägt kontinuierlich Absicherungskosten – unabhängig davon, ob der Schutz tatsächlich benötigt wird.

Damit kann ein struktureller Renditeabfluss entstehen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Welches Risiko möchte ich absichern? Ebenso wichtig ist: Was kostet mich diese Absicherung über meinen gesamten Anlagehorizont?

Diversifikation statt permanenter Absicherung

Nicht jedes Anlagerisiko muss mit einem Hedge abgesichert werden. Für langfristige Anleger:innen kann es effizienter sein, Risiken strukturell zu verteilen, statt permanent Versicherungsschutz zu kaufen.

Genau hier setzt die Diversifikation an. Ziel ist es, unterschiedliche Anlagen und Renditetreiber so zu kombinieren, dass das Portfolio weniger von einzelnen Marktentwicklungen abhängig ist.

Entscheidend sind dabei unter anderem möglichst geringe Korrelationen zwischen verschiedenen Anlagen. Je weniger sich unterschiedliche Renditetreiber im Gleichschritt bewegen, desto robuster kann ein Portfolio gegenüber einzelnen Marktschocks werden.

Die strategische Verteilung des Vermögens auf unterschiedliche Anlageklassen wird auch als Asset Allocation bezeichnet. Sie bildet einen zentralen Bestandteil einer langfristigen Portfolioarchitektur.

Eine breite Diversifikation kann beispielsweise verschiedene Anlageklassen, Regionen und alternative Anlagen umfassen. Dazu können – abhängig von Strategie und Risikoprofil – auch Gold oder Bitcoin gehören.

Diversifikation verhindert Verluste nicht. Auch ein breit diversifiziertes Portfolio kann in einer Krise an Wert verlieren. Insbesondere das sogenannte systematische Risiko lässt sich nicht vollständig durch Diversifikation eliminieren.

Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Diversifikation Risiken über verschiedene Quellen verteilt, ohne für jeden Zeitraum eine separate Absicherungsprämie bezahlen zu müssen.

Hedging oder Diversifikation: Was ist besser?

Hedging und Diversifikation erfüllen unterschiedliche Funktionen und sollten deshalb nicht als vollständige Gegensätze verstanden werden.

Hedging zielt darauf ab, ein konkretes Risiko gezielt zu reduzieren oder zu begrenzen. Dafür entstehen direkte oder indirekte Kosten.

Diversifikation versucht dagegen, die Abhängigkeit des Gesamtportfolios von einzelnen Risiken strukturell zu reduzieren. Dieser Grundgedanke bildet auch eine zentrale Grundlage der Modern Portfolio Theory.

Für langfristige Anleger:innen kann Diversifikation deshalb die Grundlage des Risikomanagements bilden. Hedging kann diese Grundlage ergänzen, wenn bestimmte Risiken zeitlich begrenzt oder besonders relevant sind.

Wann Hedging sinnvoll sein kann

Trotz seiner Kosten kann Hedging in bestimmten Situationen sinnvoll sein, beispielsweise:

  • bei klar definierten kurzfristigen Risiken
  • wenn die Kosten der Absicherung im Verhältnis zum Risiko attraktiv sind
  • bei absehbarem Liquiditätsbedarf
  • zur Absicherung fester Verpflichtungen
  • bei Risiken, die ein Portfolio oder ein konkretes Anlageziel überproportional gefährden könnten

Entscheidend sind immer Anlagehorizont, Risikotoleranz, Portfoliozusammensetzung und die konkreten Kosten der Absicherung.

Hedging ist daher als gezielt eingesetztes Risikomanagement-Instrument am wirkungsvollsten – und nicht als permanenter Standardzustand.

Wie wir bei Descartes mit Hedging umgehen

Wir betrachten Sicherheit nicht als kostenlos. Deshalb verstehen wir Hedging nicht als automatische Standardlösung, sondern als Instrument, dessen Nutzen und Kosten sorgfältig gegeneinander abgewogen werden müssen.

Im Zentrum stehen für uns eine präzise Risikoanalyse, eine breite Diversifikation und eine robuste Portfolioarchitektur. Ein Beispiel dafür ist unsere Minimum-Risk-Strategie, bei der Risiken im Portfolio systematisch reduziert werden, anstatt permanent das gesamte Portfolio abzusichern.

Denn für langfristige Anleger besteht ein wesentliches Risiko nicht nur in kurzfristiger Volatilität. Auch der dauerhafte Verzicht auf Rendite beim Versuch, jede Marktschwankung zu vermeiden, kann die langfristige Vermögensentwicklung erheblich beeinflussen.

FAQ: Hedging und die Kosten der Absicherung

Was bedeutet «There ain’t no such thing as a free lunch» beim Hedging?

Der Ausdruck beschreibt eine zentrale ökonomische Grundidee: Zusätzliche Sicherheit gibt es nicht ohne Gegenleistung. Wer sein Portfolio gegen bestimmte Verluste absichert, bezahlt dafür beispielsweise mit Prämien, Transaktionskosten oder potenziell entgangener Rendite.

Warum kann Hedging langfristig Rendite kosten?

Bei vielen Hedging-Strategien fallen laufend Kosten an, während der finanzielle Nutzen insbesondere dann entsteht, wenn das abgesicherte Risiko tatsächlich eintritt. Verlaufen die Märkte über längere Zeit positiv, können die Absicherungskosten die Portfolio-Performance reduzieren.

Verliert man durch Hedging immer Rendite?

Nein. Ob und wie stark Hedging die Rendite beeinflusst, hängt von der verwendeten Strategie, den Kosten und der Marktentwicklung ab. Ein erfolgreicher Hedge kann Verluste deutlich reduzieren. Eine permanente Absicherung kann jedoch insbesondere in steigenden Märkten erhebliche Opportunitätskosten verursachen.

Was ist der Unterschied zwischen Hedging und Diversifikation?

Hedging versucht, bestimmte Risiken gezielt mit Absicherungsinstrumenten wie Optionen oder Futures zu reduzieren. Diversifikation verteilt das Kapital dagegen auf unterschiedliche Anlagen und Renditetreiber, um die Abhängigkeit von einzelnen Risiken zu verringern.

Warum kann Diversifikation langfristig effizienter sein?

Diversifikation kann das Gesamtrisiko eines Portfolios reduzieren, ohne dass permanent Absicherungsprämien bezahlt werden müssen. Sie beseitigt Marktrisiken allerdings nicht vollständig.

Wann ist Hedging besonders sinnvoll?

Hedging kann sinnvoll sein, wenn ein Risiko klar identifizierbar ist, zeitlich begrenzt besteht oder bestimmte Verpflichtungen beziehungsweise Anlageziele geschützt werden müssen. Entscheidend ist, dass der erwartete Nutzen der Absicherung in einem angemessenen Verhältnis zu ihren Kosten steht.

Disclaimer: Dieser Artikel dient lediglich der allgemeinen Information. Obwohl Descartes die obigen Inhalte und Informationen sorgfältig recherchiert hat, kann keine Gewähr für deren Richtigkeit und Vollständigkeit übernommen werden. Jegliche Haftung wird ausgeschlossen.