Alpha beim Investieren: Welche Strategien schlagen den Markt?

Mehr Rendite als der Markt – und das möglichst ohne proportional mehr Risiko. Das ist vereinfacht gesagt die Idee hinter Alpha.

In der Finanzwelt bezeichnet Alpha die Rendite eines Portfolios, die über jene hinausgeht, die sich durch das eingegangene Marktrisiko beziehungsweise den gewählten Benchmark erklären lässt.

Klingt attraktiv. Ist es auch. Nur leider nicht ganz einfach.

Denn dauerhaft Alpha zu erzielen, ist das Ziel vieler professioneller und privater Anlegerinnen und Anleger. Und gerade weil so viele danach suchen, sind offensichtliche Möglichkeiten meist schnell verschwunden.

Welche Strategien versprechen trotzdem Alpha? Und wie realistisch ist das für Privatanleger:innen?

Wir haben sechs Ansätze eingeordnet.

Kurz zusammengefasst

  • Alpha bezeichnet eine risikobereinigte Mehrrendite gegenüber einer passenden Benchmark.

  • Stock Picking und Market Timing bieten theoretisch hohes Alpha-Potenzial, sind in der Praxis aber anspruchsvoll.

  • Rebalancing und strategische Asset Allocation sind vor allem Instrumente zur Portfolio- und Risikosteuerung – nicht automatisch Alpha-Quellen.

  • Themenanlagen und Hedging können in bestimmten Marktphasen Mehrwert schaffen, bringen aber zusätzliche Kosten und Risiken mit sich.

  • Für viele, die privat investieren, dürfte eine kostengünstige, breit diversifizierte und langfristige Anlagestrategie sinnvoller sein als die permanente Jagd nach Alpha.

1. Strategic Asset Allocation (SAA)

Die strategische Asset Allocation legt fest, wie ein Portfolio langfristig auf verschiedene Anlageklassen wie Aktien, Obligationen, Rohstoffe und Liquidität verteilt wird.

Sie gehört zu den wichtigsten Entscheidungen beim Investieren, weil sie wesentlich bestimmt, welchen Risiken ein Portfolio ausgesetzt ist und welche Rendite langfristig erwartet werden kann.

 

Alpha-Potenzial: eher gering

Die strategische Asset Allocation ist primär für die Strukturierung des Portfolios verantwortlich. Sie liefert damit vor allem die gewählten Marktrisikoprämien – also Beta – und nicht automatisch Alpha.

Die häufig zitierte Studie von Brinson, Hood und Beebower (1986) zeigte, dass die Anlagepolitik einen sehr grossen Teil der Schwankungen der Portfoliorenditen über die Zeit erklärt. Daraus sollte jedoch nicht abgeleitet werden, dass rund 90 Prozent der Rendite selbst durch Asset Allocation «erzeugt» werden.

Spannend ist deshalb ein anderer Befund: In einer Vanguard-Umfrage unter Schweizer Vermögensverwaltern nannten 81 Prozent die strategische Asset Allocation als eine Quelle für Alpha.

Theorie und Praxis verwenden den Begriff Alpha hier offenbar nicht immer ganz gleich.

 

Fazit: Die SAA ist essenziell für Risiko und langfristige Renditeerwartungen. Als klassische aktive Alpha-Quelle ist sie jedoch nur bedingt einzuordnen.

2. Rebalancing: zurück auf Kurs

Märkte bewegen sich – und damit verändert sich auch die Zusammensetzung eines Portfolios.

Angenommen, Aktien entwickeln sich deutlich besser als Obligationen. Ihr Anteil im Portfolio steigt dadurch automatisch. Beim Rebalancing werden Teile der Aktienposition verkauft und andere Anlageklassen nachgekauft, bis die gewünschte strategische Aufteilung wiederhergestellt ist.

Das klingt unspektakulär. Genau das ist teilweise der Punkt.

 

Alpha-Potenzial: gering und marktbedingt

Rebalancing dient in erster Linie dazu, das Risikoprofil eines Portfolios konstant zu halten. Unter bestimmten Marktbedingungen kann das systematische antizyklische Kaufen und Verkaufen einen zusätzlichen Renditeeffekt erzeugen.

Dieser sogenannte Rebalancing-Bonus ist allerdings weder garantiert noch mit klassischem Alpha gleichzusetzen.

40 Prozent der von Vanguard befragten Schweizer Vermögensverwalter sahen Rebalancing dennoch als relevante Komponente ihrer Alpha-Generierung.

 

Fazit: Rebalancing ist weniger Rendite-Zauberformel als Portfoliodisziplin. Und Disziplin ist beim Investieren bekanntlich nicht die schlechteste Eigenschaft.

3. Market Timing: richtig liegen – zweimal

Market Timing versucht, durch gezielte Ein- und Ausstiege von erwarteten Marktbewegungen zu profitieren. Grundlage können makroökonomische Daten, Bewertungen, technische Signale oder die Marktstimmung sein.

Das Problem: Für erfolgreiches Market Timing muss man nicht nur wissen, wann man aussteigt. Man muss auch wissen, wann man wieder einsteigt.

Also zweimal richtig liegen.

 

Alpha-Potenzial: theoretisch hoch, praktisch schwer realisierbar

Wer grössere Marktbewegungen zuverlässig antizipieren kann, kann erhebliche Mehrrenditen erzielen. Dauerhaft gelingt dies jedoch nur wenigen Investor.

Hinzu kommt: Wer während einiger weniger besonders guter Börsentage nicht investiert ist, kann einen erheblichen Teil der langfristigen Rendite verpassen.

Nur 30 Prozent der von Vanguard befragten Schweizer Vermögensverwalter setzten auf diese Taktik als Alpha-Quelle.

 

Fazit: Das Potenzial ist hoch. Die Fehlertoleranz eher nicht.

4. Themenfonds: auf den Trend setzen

Künstliche Intelligenz, Clean Energy, Robotik, Healthcare: Themenfonds ermöglichen es, gezielt auf langfristige strukturelle Trends zu setzen.

Die Investmentstory ist oft überzeugend. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass auch das Investment attraktiv bewertet ist.

Denn ein Trend kann real sein – und die entsprechenden Aktien trotzdem zu teuer.

 

Alpha-Potenzial: mittel

Wer einen langfristigen Trend früh erkennt und Unternehmen auswählt, die tatsächlich davon profitieren, kann eine Mehrrendite erzielen. Themenfonds bergen jedoch Konzentrationsrisiken und können höhere Gebühren aufweisen.

Zudem kommen viele Produkte erst dann auf den Markt, wenn ein Thema bereits grosse Aufmerksamkeit erhalten hat.

Mehr zum grundlegenden Unterschied zwischen aktiv und passiv verwalteten Produkten erklärt das Descartes-Glossar unter Aktiver Fonds und Fonds.

Bei kleineren Schweizer Vermögensverwaltern mit weniger als 200 Millionen Franken Assets under Management waren Themenfonds gemäss Vanguard besonders beliebt: 51 Prozent nannten sie als Alpha-Quelle.

 

Fazit: Gute Storys machen noch kein gutes Investment. Einstiegspreis, Diversifikation und Timing bleiben entscheidend.

5. Stock Picking: die klassische Alpha-Suche

Beim Stock Picking – oder der aktiven Titelselektion – werden gezielt einzelne Unternehmen ausgewählt, von denen Investor eine bessere Entwicklung als vom Gesamtmarkt erwarten.

Gesucht werden beispielsweise unterbewertete Unternehmen, besonders profitable Geschäftsmodelle oder Firmen mit überdurchschnittlichem Wachstumspotenzial.

52 Prozent der befragten Schweizer Vermögensverwalter sahen darin eine Möglichkeit zur Alpha-Generierung.

 

Alpha-Potenzial: hoch

Stock Picking ist eine der klassischen aktiven Strategien zur Erzielung von Alpha. Gleichzeitig konkurrieren Anlegerinnen und Anleger dabei mit professionellen Marktteilnehmenden, die erhebliche Ressourcen für Research, Daten und Analyse einsetzen.

Hinzu kommt ein häufig unterschätztes Problem: Eine gute Investmentthese kann richtig sein – und die Aktie trotzdem zu teuer. Entscheidend ist also nicht nur das Unternehmen, sondern auch dessen Bewertung beziehungsweise innerer Wert.

 

Fazit: Alpha ist möglich. Benötigt werden Analysekompetenz, Geduld und Disziplin – und gelegentlich die Fähigkeit zuzugeben, dass die eigene brillante Idee doch nicht ganz so brillant war.

6. Hedging: weniger verlieren ist manchmal mehr

Hedging soll ein Portfolio gegen bestimmte Risiken absichern. Dafür können beispielsweise Optionen, Futures oder andere Derivate eingesetzt werden.

Der Zweck ist nicht zwingend, in normalen Marktphasen mehr Rendite zu erzielen. Vielmehr sollen Verluste in bestimmten Stressszenarien begrenzt werden.

 

Alpha-Potenzial: situativ

Eine gut konstruierte Absicherung kann in Krisenphasen erheblichen Wert schaffen. Dauerhafte Absicherungen verursachen jedoch Kosten und können die langfristige Rendite reduzieren.

Mit 22 Prozent wurde Hedging in der Vanguard-Umfrage unter Schweizer Vermögensverwaltern am seltensten als Alpha-Quelle genannt.

 

Fazit: Hedging ist eher Versicherung als Renditemotor. Und wie bei einer Versicherung weiss man ihren Wert häufig erst dann zu schätzen, wenn man sie braucht.

Wie könnte ein Alpha-orientiertes Portfolio aussehen?

Theoretisch lässt sich ein breit diversifiziertes Portfolio mit einem stabilen Kern und aktiveren Satelliten kombinieren.

Dieses sogenannte Core-Satellite-Prinzip könnte beispielsweise so aussehen:

Kernportfolio: 70 Prozent

  • 30% globale Aktien

  • 20% Emerging Markets

  • 10% Gold oder andere Rohstoffe

  • 10% kurzlaufende Obligationen

 

Aktive Satelliten: 30 Prozent

  • 12% ausgewählte Einzelaktien

  • 8% Themenanlagen

  • 5% Taktische Liquidität

  • 3% Absicherungsstrategien

  • 2% Taktische Anpassungen

 

Wichtig: Diese Aufteilung ist ein illustratives Beispiel und keine Anlageempfehlung.

Welche Asset Allocation sinnvoll ist, hängt unter anderem vom Anlagehorizont, von der Risikofähigkeit und Risikobereitschaft sowie der persönlichen finanziellen Situation ab. Wie diese Faktoren bei der Zusammenstellung eines Portfolios zusammenspielen, erklärt auch der Descartes-Glossareintrag zum Portfolio.

Ausserdem sollte ein «Rebalancing-Effekt» nicht als eigenständige Anlageklasse betrachtet werden. Rebalancing ist ein Prozess, mit dem die gewählte Portfolioallokation wiederhergestellt wird.

Alpha-Strategien im Vergleich

Strategie

Alpha-Potenzial

Schwierigkeit

Einordnung

Strategic Asset Allocation

Eher niedrig

Gering bis mittel

Zentral für Portfolio und Risiko, aber keine klassische aktive Alpha-Quelle

Rebalancing

Gering

Gering

Hält das Risikoprofil stabil; möglicher Zusatznutzen

Market Timing

Hoch

Sehr hoch

Potenziell attraktiv, dauerhaft schwer umzusetzen

Themenfonds

Mittel

Mittel

Trend, Bewertung und Timing entscheidend

Stock Picking

Hoch

Hoch

Klassische Alpha-Quelle mit hohem Analysebedarf

Hedging

Situativ

Mittel bis hoch

Besonders zur Begrenzung bestimmter Risiken geeignet

Alpha oder Beta: Muss ich den Markt überhaupt schlagen?

Nach all diesen Strategien bleibt eine vielleicht wichtigere Frage: Muss ein Privatanleger überhaupt versuchen, Alpha zu erzielen?

Oder anders formuliert: Ist es wirklich notwendig, den Markt zu schlagen – wenn man langfristig an seiner Entwicklung partizipieren kann?

Aktives Investieren kann attraktiv sein. Wer Unternehmen gerne analysiert, Märkte intensiv verfolgt und über entsprechendes Wissen verfügt, kann bewusst einen Teil des Portfolios aktiv verwalten.

Das kostet allerdings Zeit, verursacht potenziell höhere Gebühren und Transaktionskosten und erhöht das Risiko emotionaler Fehlentscheidungen.

Passive Strategien verfolgen ein anderes Ziel: nicht besser als der Markt zu sein, sondern möglichst effizient an seiner langfristigen Entwicklung teilzunehmen.

Dafür werden häufig ETFs eingesetzt. Sie bilden einen Index ab und ermöglichen es, mit wenigen Produkten breit diversifiziert zu investieren.

Lesen Sie dazu auch unseren Blogartikel «Aktiv vs. passiv investieren: Was lohnt sich mehr?».

Aktiv vs. passiv: Was passt zu wem?

Kriterium

Aktive Strategie

Passive Strategie

Ziel

Outperformance / Alpha

Marktrendite / Beta

Zeitaufwand

Hoch

Gering

Analysebedarf

Hoch

Gering

Kosten

Tendenziell höher

Tendenziell tiefer

Entscheidungsbedarf

Hoch

Gering

Risiko von Verhaltensfehlern

Höher

Tendenziell geringer

Geeignet für

Anleger:innen mit Know-how, Zeit und Interesse

Langfristig orientierte Anleger:innen, die es einfach halten möchten

Bei Descartes basiert die digitale Vermögensverwaltung auf einem langfristigen und breit diversifizierten Anlageansatz.

Statt ständig nach dem nächsten «heissen» Investment zu suchen, steht eine zum persönlichen Risikoprofil passende Anlagestrategie im Zentrum.

Wer sich vertieft mit der Portfoliozusammensetzung beschäftigen möchte, findet im Descartes-Beitrag zur strategischen Asset Allocation und Diversifikation ein konkretes Praxisbeispiel.

Und weil Rendite nur die eine Seite der Gleichung ist: Descartes zeigt die Gebühren und Kosten der Anlagelösungentransparent auf.

Fazit: Vielleicht ist Alpha gar nicht das wichtigste Ziel

Alpha zu erzielen ist möglich. Einfach ist es nicht.

Stock Picking, Market Timing, Themenanlagen oder Hedging können unter den richtigen Voraussetzungen Mehrwert schaffen. Gleichzeitig erhöhen sie den Analyseaufwand, die Komplexität und teilweise auch die Kosten.

Für die meisten privaten Anlegerinnen und Anleger dürfte deshalb eine andere Frage wichtiger sein als «Wie schlage ich den Markt?»: Wie investiere ich langfristig, diversifiziert, kosteneffizient und passend zu meinem persönlichen Risiko?

Eine passive, systematische Anlagestrategie kann darauf eine ziemlich unspektakuläre Antwort geben.

Und beim langfristigen Vermögensaufbau ist unspektakulär manchmal ein Kompliment.

FAQ: Häufige Fragen zu Alpha beim Investieren

Was bedeutet Alpha beim Investieren?

Alpha bezeichnet vereinfacht die Rendite, die eine Anlagestrategie über die anhand ihrer Marktrisiken erwartbare Rendite hinaus erzielt.

Positives Alpha steht für eine risikobereinigte Mehrrendite; negatives Alpha entsprechend für eine Minderrendite.

Was ist der Unterschied zwischen Alpha und Beta?

Beta beschreibt die Sensitivität eines Investments gegenüber Marktbewegungen beziehungsweise das systematische Marktrisiko. Alpha soll dagegen den Teil der Rendite erfassen, der nicht durch dieses Marktrisiko erklärt wird.

Vereinfacht gesagt: Beta ist die Marktexposition. Alpha ist das, was darüber hinausgeht.

Welche Strategie hat das höchste Alpha-Potenzial?

Stock Picking und Market Timing können theoretisch ein hohes Alpha erzeugen. Gleichzeitig gehören sie zu den anspruchsvollsten Strategien.

Hohes Alpha-Potenzial bedeutet deshalb nicht automatisch eine hohe Wahrscheinlichkeit, tatsächlich Alpha zu erzielen.

Kann Rebalancing Alpha erzeugen?

Rebalancing dient primär der Risikosteuerung. Unter bestimmten Marktbedingungen kann es einen positiven Renditeeffekt erzeugen.

Dieser Effekt ist jedoch nicht garantiert und sollte nicht pauschal als Alpha bezeichnet werden.

Können Privatanleger:innen Alpha erzielen?

Ja, grundsätzlich ist das möglich. Dauerhaft und nach Kosten eine passende Benchmark zu schlagen, ist allerdings anspruchsvoll.

Dafür braucht es neben einer guten Strategie auch Disziplin, Zeit und häufig spezialisiertes Wissen.

Ist passives Investieren besser als aktives Investieren?

Nicht grundsätzlich. Beide Ansätze verfolgen unterschiedliche Ziele.

Für viele langfristig orientierte Anlegerinnen und Anleger bietet passives Investieren jedoch Vorteile: geringe Kosten, breite Diversifikation, wenig Zeitaufwand und weniger laufende Anlageentscheidungen.

Mehr dazu: Aktiv vs. passiv investieren.

Literatur

Disclaimer: Dieser Artikel dient lediglich der allgemeinen Information. Obwohl Descartes die obigen Inhalte und Informationen sorgfältig recherchiert hat, kann keine Gewähr für deren Richtigkeit und Vollständigkeit übernommen werden. Jegliche Haftung wird ausgeschlossen.